Ave Cäsar, die Konfigurationsgeweihten grüßen dich!
Von lahmenden E-Mail-Programmen, unbekannten DSL-Modems und einer Flatrate-Tarifwechsel-Versicherung, die sicher ein Verkaufsschlager würde.
- Peter Glaser
Vorgestern habe ich nach einer halben Nachtschicht meine E-Mail-Applikation, die – Antwort von Radio Eriwan: Im Prinzip ja – ein nettes Programm ist, endlich wieder dazu gebracht, Mails nicht nur zu empfangen, sondern auch zu versenden. Das Senden hatte die Software vor ein paar Wochen eingestellt, wohl aus Solidarität mit den streikenden Lokführern. Es ist ein politisch empfindendes Programm, das heißt, es empört sich, wenn man versucht, es zu benutzen. Bei der Fehlersuche am Computer kann man im übrigen lernen, wie die Unendlichkeit aufgebaut ist. Bereits ein kleiner Schwung Optionen erlaubt einem angesichts seiner verblüffend vielfältigen Permutierbarkeit tiefe Einblicke in das mathematische Konzept des Unermesslichen oder wie der Dichter sagen würde: in wahnhafte Weiten.
Und weil es sonst langweilig würde, habe ich vor drei Wochen einen Tarifwechsel meiner DSL-Verbindung vorgenommen. Durch das schnelle Elektronengehirn, mit dem ich neuerdings Trailer und YouTube-Videos schlichtweg einatme, ist der bisherige Volumentarif zu teuer geworden. Die T-Com bewirbt gerade großflächig neue, schnelle Pauschaltarife. Also Auftrag erteilt für eine Oberklasse-Flatrate, bei der man offenbar von eingeölten Nubiern an die Tastatur getragen wird und zur Neueröffnung der Verbindungsgerätschaft ein Installationsoberkommando beigelegt ist.
Schnitt. Wir sehen Jeff Smart (die eine Hälfte des Comic-Duos Clever & Smart) von Spinnweben überwachsen am Telefonhörer. Gestern nachgefragt bei der T-Com über den Stand der Auftragsabwicklung. Von einem Auftrag ist nichts bekannt. Ein bißchen den Milosevic gemacht. Auftrag neu erteilt; es jedenfalls versucht. Einfach ein angebotenes Produkt kaufen zu wollen, da könnte ja jeder kommen. Kapitalismus ist harte, ehrliche Arbeit. Die Auftragsannahme kann dann leider nicht richtig abgeschlossen werden, weil ich nicht genau sagen kann, wie mein DSL-Modem heißt. Kurt? Herbert? Selbstverständlich weiß die T-Com, die mir das Modem geliefert hat, nicht mehr, welches Modem sie mir geliefert hat. Ist auch lange her. Zwei Jahre sind in der digitalen Welt quasi ein ganzes Erdzeitalter.
In der Kiste im Flur, in die ich meinen Rechner weggeschlossen habe, weil er laut lüftet, ist ganz unten eine weitere Kiste zu finden, auf der er steht, damit ich mich nicht so tief nach den verschiedenen Schnittstellen bücken muss. In der Ganzuntenkiste befinden sich Kabalsalat, ISDN-NTBA, der Splitter, der die zu großen Bits in kleine splittet, sowie das DSL-Modem. Rechner in Kiste A freigelegt und beiseitegehoben, Kiste B geöffnet, kurz an die Öffnung des Grabes von Tut-ench-Amun durch Howard Carter am 8. März 1923 gedacht. Sonderbare tagtraumhafte Vorstellung durchlebt, als freier Mitarbeiter bei Al Kaida anheuern zu wollen und in einer als sprachgesteuerter Entscheidungsbaum getarnten Telefonendlosschleife zu verschimmeln. Verwerfe die Idee, dem strategischen Oberkommando der US-Streitkräfte im Irak einen Tipp zu geben. Erzwinge stattdessen von der Callcenterfrau im Tausch gegen einen illegal aus dem Internet heruntergeladenen BBC-Reporter die Herausgabe einer vorläufigen Auftragsnummer.
Schnitt. Konspirative Telefonate mit Mitgliedern aus dem innersten Kreis des Chaos Computer Clubs. Erhalte einen Hinweis auf ein DSL-Modem der T-Com, das sich, da kostengünstig, nur ungern finden lässt (Speedport 200) und als virtuelle Bückware beim T-Com Versand erhältlich ist. Es leistet 16.000 Kilobit pro Sekunde, das heißt, das Netz wird dermaßen schnell, dass einen die Polizei rechts ran fahren lässt, wenn man nicht aufpasst.
Dann der mahnende Hinweis, erst beim technischen Kundendienst der T-Com prüfen zu lassen, ob die zuständige Vermittlungsstelle auch so schnell kann und ob die Leitungsqualität für die hohe Übertragungsgeschwindigkeit ausreicht. Überlege, einem Versicherungskonzern die Idee einer DSL-Tarifwechselversicherung zu lizensieren und wohlhabend zu werden. Ein unwissentlich erfolgreich erteilter Auftrag zum Online-Tarifwechsel kann zur Folge haben, dass man ganz fix die Brille auf hat – wundervolle schnelle neue Verbindung aufgeschaltet, Vermittlungsstelle kann nicht, Leitung kann nicht, Callcenter kann schon überhaupt nicht, T-Com weiß von gar nichts, Sendeschluss. Und schon werden die Bits wieder im Eimerchen aus dem Haus getragen und einmal die Woche im Rucksack vom Markt unten im Dorf zurück hinauf in die Höhen der Technik. Das nennt sich dann "Hightech". (wst)