Ăśberraschung im Plattencover
Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: DRM ist tot. Die Zukunft der Musikindustrie liegt in besseren Produkten, nicht in der Behinderung ihrer Kunden.
- Niels Boeing
Seit jeher gehöre ich zu der kleinen Fraktion der Musikliebhaber, die den Übergang von der Schallplatte zur CD nicht mitgemacht hat. Das ist vor allem ein Frage der Ästhetik: Ich habe mich nie mit diesen kleinen klappernden Plastikhüllen anfreunden können. Und was ich nicht auf Vinyl bekommen kann, kaufe ich mir dann lieber gleich als Download. Als ich nun letzte Woche das (empfehlenswerte) neue Album der US-Band Spoon erstand, fand ich einen kleinen Zettel im Plattencover.
Das Label Merge Records machte mir, dem „Dear Honored Listener“, ein Geschenk. Allein schon als „geehrter Kunde“ angeredet zu werden, ist nach Jahren der Kriminalisierung von Musikhörern als potenziellen „Musikpiraten“ bemerkenswert. Das Geschenk verblüffte mich dann vollends: Ich kann mir das ganze Album zusätzlich als MP3 – ohne Kopierschutz – herunterladen, indem ich auf der Label-Seite eine persönliche Seriennummer und den Barcode der Platte eingebe. Merge Records apelliert nur an mein Gewissen, die Song-Dateien nicht irgendwo in den digitalen Umlauf zu bringen.
Diese Anekdote passt für mich zu einem Trend, der allmählich an Fahrt gewinnt: In der Musikindustrie setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Versuche, Digitalkopien durch Digital-Rights-Management-Systeme zu schützen, eine Sackgasse sind. Denn tatsächlich stellt sich für die Kunden DRM eher als „Digital Restrictions Management“ dar. Die gängigen Systeme von Apple und Microsoft sind mit verschiedenen Musikplayern zum Teil inkompatibel – was viele Kunden nicht verstehen. Und sie schreiben diesen vor, was sie mit ihren gekauften Titeln alles nicht machen dürfen.
Die meisten Independent Label verkaufen schon seit längerem auf Seiten wie Emusic.com oder Akuma.de MP3s ohne Kopierschutz. Von den Großen Vier EMI, Sony-BMG, Universal und Warner, die 80 Prozent des Umsatzes der Branche machen, konnte sich hingegen bislang nur EMI durchringen, Musik online auch ohne DRM zu verkaufen.
Digitale Downloads machten im vergangenen Jahr bereits 11 Prozent des weltweiten Umsatzes der Musikindustrie aus. Allein bei Singles lag die Wachstumsrate zum Vorjahr bei 89 Prozent. Das genügt zwar noch nicht, den Einbruch bei den CD-Verkäufen seit 2001 aufzufangen. Aber anstatt Geld in DRM-Technologie zu versenken – in diesem Jahr weltweit 1 Milliarde Dollar –, um Schlupflöcher zu stopfen, sollte die Musikindustrie mehr interessante Produkte anbieten, die alte und vor allem neue Kunden erreicht. Viele CDs gerade aus Back-Katalogen der Labels sind an Lieblosigkeit nicht zu überbieten: Billig zusammengestellte Hit-Sampler, die jeden Musikfreund beleidigen. Hinter vorgehaltener Hand räumen Vertreter der Musikbranche unumwunden ein, dass man es sich vielleicht doch etwas zu leicht gemacht und auf den sagenhaften Zuwachsraten bei CD-Verkäufen in den Neunzigern ausgeruht hat. Jetzt steht der berüchtigte Strukturwandel an, den auch andere Industrien durchleiden mussten.
Zu dem sollte gehören, dass sich die Musikindustrie zu einer weiteren Erkenntnis durchringt: das File-Sharing von MP3s langfristig einfach als vernachlässigbaren Kollateralschaden abzuschreiben. Nach Untersuchungen des Weltphonoverbandes IFPI nutzen ohnehin nur 14 Prozent aller User regelmäßig Tauschbörsen. Seitdem es den iTunes Music Store gibt, nutze ich Limewire und andere praktisch nicht mehr. Ich bin die Sucherei und die Download-Wartezeiten satt. Viele andere wohl auch.
Am Horizont taucht allerdings ein anderes Problem auf: Einige Labels bauen in die DRM-freien Songs digitale Wasserzeichen ein, mit denen sich eine Datei zum Käufer zurückverfolgen lässt. Das könnte die Musikverbände in die Versuchung bringen, zusammen mit Netzbetreibern ein Überwachungssystem zu installieren, das Wasserzeichen und Käufer im großen Stil miteinander abgleicht. AT&T geriert sich bereits als künftiger Online-Hilfssheriff. Die Musikindustrie täte gut daran, sich nicht noch weiter in die fragwürdige Phalanx der Schnüffler und Überwacher einzureihen, sondern sich auf ihre Kernkompetenz zu beschränken: gute Musik zu produzieren – und sich ein Beispiel an Labels wie Merge Records zu nehmen, die zuerst an den "Dear Honored Listener" denken. (wst)