Zeigt her Eure Hände
Wie ein gutes, altes Verfahren die bakterielle Infektionsgefahr in Krankenhäusern deutlich verringern kann.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Manchmal sind einfach Low-Tech-Lösungen gefragt. Während im Kampf gegen resistente Krankenhauskeime bislang vornehmlich neue schlagkräftige Antibiotika und andere Wirkstoffe gesucht wurden, besinnt sich das Klinikum der Region Hannover auf ein denkbar einfaches Mittel, um einen Beitrag zu leisten: Die gute, alte Handdesinfektion. Der kommunale Krankenhausträger überprüft nämlich seit Kurzem unangemeldet die Hände seiner Bediensteten auf Bakterien, um festzustellen, wer bei der so wichtigen Reinigungsprozedur schludert.
Desinfektion bedeutet wohlgemerkt nicht einfach nur Händewaschen mit einer guten Seife, sondern das sorgfältige Reinigen mit einer Alkohollösung von den Handgelenken über die Fingerzwischenräume bis in die Nagelfälze hinein. Für die korrekte Durchführung werden mindestens 30 Sekunden veranschlagt, bei Bedarf zeigt eine Broschüre mit sechs Schaubildern, wie es genau geht.
Die Maßnahme kommt zur rechten Zeit. Jährlich infizieren sich 500.000 Patienten ausgerechnet im Krankenhaus mit solchen gefährlichen Keimen, weil dort durch die tagtägliche Antibiotikagabe besonders häufig resistente Bakterien auftreten. Diese Zahl wollen die Hannoveraner Kliniken senken helfen, indem sie durch die Hygienekampagne die Infektionskette von vorneherein unterbrechen.
Die Kontrollidee ist löblich, das vorläufige Ergebnis allerdings eher ernüchternd: Die Auswertung der ersten sieben von insgesamt 12 Krankenhäusern ergab, dass fast zehn Prozent der Mitarbeiter bei ihrer Arbeit mit Patienten nicht nur harmlose Bakterien, sondern auch potenziell gefährliche Krankheitserreger weitertragen. Natürlich lassen sich die multiresistenten Keime auch mit dem penibelsten Desinfizieren nicht ausrotten. Sollten aber die Zahlen exemplarisch für Deutschland sein, könnten eben jene zehn Prozent der Krankenhausinfektionen vermieden werden.
Schon einmal brachte das konsequente Händedesinfizieren eine wichtige Wendung in der Medizin. Der ungarische Arzt Ignaz Philipp Semmelweis erkannte im 19. Jahrhundert die Ursache für das Kindbettfieber in der mangelnden Hygiene seiner Medizinstudenten. Diese wechselten ohne Händedesinfektion zwischen Pathologie, wo sie die am Kindbettfieber verstorbenen Frauen seziert hatten, und der Untersuchung von Schwangeren fröhlich hin und her und übertrugen so tödliche Keime. Erst als Semmelweis die Vorschrift einführte, dass sich die Arztaspiranten die Hände mit Chlorkalk reinigen müssen, änderte sich etwas: Die Hygienemaßnahme, für die er anfangs ausgelacht wurde, senkte die Sterblichkeitsrate massiv von mehr als zehn auf etwa zwei Prozent.
Aber zurück nach Hannover: Ob die mangelnde Hygiene der Krankenhausmitarbeiter auf Schludrigkeit, Zeitmangel in Zeiten wachsender Arbeitsbelastung bei gleichzeitig sinkenden Mitarbeiterzahlen oder Sparmaßnahmen zurückzuführen ist, wurde bislang nicht bekannt. Da die Untersuchung anonym abläuft, werden eventuelle Wiederholungstäter ebenfalls nicht überführt. Der Krankenhausträger will aber nun bei Bedarf Schulungen anbieten. Dass das nötig ist, obwohl strengste Hygiene gerade im Kontakt mit Patienten selbstverständlich sein sollte, ist gelinde gesagt erstaunlich. Es geht aber wohl nicht anders.
Noch überraschender ist allerdings die Aussage eines Mitarbeiters aus dem Institut für medizinische Mikrobiologie in Hannover: Die Krankenhäuser mit ihrer Erfolgsquote von 90 Prozent kämen sogar noch erstaunlich gut weg. In den USA und der Schweiz, wo bereits ähnliche Hygienekampagnen durchgeführt wurden, gebe man sich schon mit 85 Prozent zufrieden. Lorbeeren, auf denen man sich ausruhen kann, sehen anders aus. (wst)