Zahlen und Zensur
Information gilt in vielen arabischen und afrikanischen Ländern als Herrschaftswissen. Der Netzzugang unterliegt unterschiedlich restriktiven Bestimmungen.
- Peter Glaser
Die Muslime zwischen Tanger und Dhaka zählen nicht zu den bestinformierten Staatsbürgern. Information gilt in vielen arabischen und afrikanischen Ländern als Herrschaftswissen. Der Netzzugang unterliegt unterschiedlich restriktiven Bestimmungen. Und kritische Stimmen, etwa Blogger, haben es ziemlich schwer. Im März war das Urteil gegen den 22-jährigen Abd al-Karim Nabil Suleiman bestätigt worden, der in seinem Blog konservative Moslems scharf kritisiert hatte – drei Jahre wegen Verunglimpfung des Islam, Gotteslästerung und Anstiftung zur Sektengründung sowie ein Jahr, weil er auch Staatspräsident Hosni Mubarak beleidigt habe. Mitte Mai wurde in Kairo der Blogger Alaa Abd El Fattah verhaftet, weil er zusammen mit anderen Aktivisten für eine unabhängige Justiz in Ägypten demonstriert hatte.
Das Internet ist in den arabischen Ländern vor allem für Jugendliche eine zunehmend attraktive Kommunikationsmöglichkeit. Für Behörden gibt es sowohl bei privaten Netzzugängen wie auch in Internetcafés ein ebenso schlichtes wie wirkungsvolles Mittel, den Kreis der Nutzer einzuschränken: die Kosten.
Für den nigerianischen Professor und Web-Literaten Olu Oguibe sind die Grenzen, die durch die Kartographie des Cyberspace gezogen werden, die alten Grenzen von Klasse und Wohlstand. Sie umfassen die verarmten Gegenden der USA ebenso wie den Tschad. “Die Digitale Dritte Welt”, sagt Oguibe, “ist ein globales Territorium, das die herkömmlichen Erste- und Dritte-Welt-Kategorien durchbricht." Die Stärke des Internets liegt für viele Anwender in der Zeit- und Kostenersparnis. Braucht ein Brief aus dem Kongo nach Argentinien mehrere Wochen, so trifft eine E-Mail in Sekunden ein und kostet nur wenige Cent. Dazu kommt der Integrationseffekt. So kann das Web zum Beispiel Forscher an abgelegenen Instituten aus ihrer Isolation befreien – einer der Hauptgründe für den "Brain drain" der Entwicklungsländer.
Während teure Infrastruktur, Leitungs- und Kommunikationskosten in den ersten Netzjahren als Entwicklungshemmnis galten, werden sie seit einiger Zeit als Instrumente der Restriktion eingesetzt. So berichtet die aus Bahrain gebürtige und in Kanada lebende Bloggerin Amira Al Hussaini von einer drastischen Änderung der Tarifstruktur für Internetverbindungen, die in Ägypten ab 1. September gelten sollen. Der bisher unbeschränkte Standard-Tarif wird auf 60 Stunden im Monat (bzw. 2 Stunden bzw. 2 Gigabyte pro Tag) begrenzt. Von den bisher etwa 20 bis 25 ägyptischen Pfund steigen die Gebühren auf ein Minimum von 45 Pfund. Wer mehr Zeit online verbringen möchte, muß noch mehr bezahlen. Sich eine Leitung mit anderen zu teilen, wird auch nicht mehr möglich sein – jede Wohnung soll eine dezidierte eigene Leitung erhalten.
Mit einer Mail-Kampagne (“One Million Letters”) versuchen Bürgerrechtler und User, die knapp bei Kasse sind, Politiker und vor allem die Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam zu machen. Sie fordern weiterhin Zugang über die derzeit noch gültigen Flatrates und wenden sich ausdrücklich gegen ilegale Netznutzung (die genau wie Stromdiebstahl in Kairo gang und gebe ist). Im Sommer letzten Jahres hatte Batelco, die staatliche Telecom in Bahrain, die Tarifbarriere auf gleiche Weise angehoben. Die Website [boycottbatelco.com “Boycott Batelco”], die zu diesem Anlaß von Protestlern eingerichtet worden war, besteht immer noch und hat sich inzwischen zu einem florierenden Informationsportal entwickelt. (wst)