Angstmache statt Aufklärung

Horst Seehofer hat der grĂĽnen Gentechnik bei der Vorstellung des neuen Gentechnikgesetzes die Zukunft abgesprochen.

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  • Veronika Szentpetery-Kessler

Der Einsatz der grünen Gentechnik war schon immer umstritten, die Fronten zwischen Befürworter und Gegnern sind seit gut zwanzig verhärtet. Während die Wissenschaftler auf zahllose Studien verweisen, die keine gesundheitlichen und ökologische Gefahren durch gentechnisch veränderte (GV-) Pflanzen (und Lebensmitteln, die aus ihnen produziert werden) für Tier und Mensch feststellen konnten, fordern Gegner und Skeptiker immer weitere Langzeitstudien, um mögliche Risiken auszuschließen.

Horst Seehofer, Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz, gibt der Forschergemeinde sogar recht, dass es keine wissenschaftlichen Beweise für gesundheitliche oder ökologische Gefahren gibt. Dennoch hat er die Regierungskoalition jetzt zu einem teilweise verschärften Überarbeitungsentwurf für das Gentechnikgesetz bewegt, das nun Sicherheitsabstände zwischen GV- und nicht GV-Feldern vorsieht.

Beibehalten werden das öffentliche Standortregister für GV-Felder und die Haftungsregeln. Der Punkt der verbesserten Forschungsbedingungen war den meisten Tageszeitungen dann lediglich einen Satz oder gar keine Erwähnung mehr wert. Tatsächlich werden nur die Anträge für Tests in geschlossenen Systemen – also nicht die abschließend wichtigen Freilandversuche – vereinfacht.

Seehofer und die Koalition wollen mit der Gesetzesnovelle den Bedenken der Bevölkerung Rechnung tragen, die mehrheitlich gegen grüne Gentechnik sei. Nun mögen Sicherheitsabstände von 150 und 300 Meter zu herkömmlich beziehungsweise ökologisch bewirtschafteten Feldern, die ungewolltes Einkreuzen von GV-Feldern auf andere verhindern sollen, ihren Sinn haben. Doch Seehofer hat zudem ganz offen gesagt, dass der Bevölkerung die Vorteile dieser Technologie nicht leicht zu vermitteln seien. Mehr noch, er sähe für die grüne Gentechnik im Lebens- und Futtermittelsektor keine Zukunft. Erst die nächste Generation gentechnisch veränderter Pflanzen, die Energiepflanzen, würde den Durchbruch bringen.

Damit hat er nicht nur Hunderte (mit Steuergeldern erstellte) wissenschaftliche Studien vom Tisch gewischt sondern die Bedenken und Ängste in der Bevölkerung und bei den Bio-Landwirten bestätigt. Kein Wort darüber, dass gentechnisch veränderte Pflanzen besser gegen Schädlinge, Trockenheit oder Überschwemmung Widerstand leisten können – in manchen Regionen der Erde wird es ohne sie wohl nicht gehen.

Natürlich soll jeder frei entscheiden können, ob er gentechnikfreie Lebensmittel aus rein ideologischen Gründen ablehnt oder die bisherigen wissenschaftlichen Studien einfach nicht für ausreichend hält. Aber ohne wissenschaftlichen Beleg einem ganzen Technologiezweig die Zukunft abzusprechen ist schon stark.

Die Wahl wird jetzt schon durch die EU-Kennzeichnungspflicht bei Produkten erleichtert, die mehr als 0,9 Prozent gentechnisch veränderte Bestandteile enthalten. Dieser Grenzwert wird von 2009 an EU-weit auch für Bioprodukte gelten, was den Biolandwirten verständlicherweise Marketingsorgen bereitet. (Der Grenzwert bedeutet übrigens nicht, dass eine Beimischung erlaubt ist oder billigend in Kauf genommen wird, sondern er definiert die Haftungsgrenze für den Fall, dass trotz aller Vorsichtsmaßnahmen wie etwa den Anbauabständen, die jetzt beschlossen wurden, zwischen den Feldern trotzdem eine Beimischung stattfindet).

Zählen wir noch mal die wissenschaftlich gesicherten Fakten auf:

An der Sachlage der Sicherheitsstudien hat sich nichts geändert. Es gibt nach wie vor keine belastbaren wissenschaftlichen Beweise dafür, dass GV-Lebensmittel gesundheitsschädlich sind. Die Studien, die als Gegenbeweis zitiert werden, haben sich nicht als stichhaltig erwiesen. Jede GV-Pflanze, die zugelassen wird, hat eine intensive Sicherheitsprüfung hinter sich.

Wir nehmen seit Jahrmillionen Nahrung zu uns, die jede Menge Fremd-DNA enthält – und nicht nur ein artfremdes Gen, wie bei Produkten aus der grünen Gentechnik. Geschadet hat es uns nicht. Zumal wir selbst aus rohen Pflanzenprodukten wie Tomaten keine DNA in unsere einbauen, geschweige denn aus Spaghetti (aus gentechnisch widerstandsfähiger gemachtem Weizen), in denen jegliche DNA zerkocht ist.

Unsere ökologisch bewirtschafteten Felder dürfen ohne Sicherheitsabstand neben herkömmlich bewirtschafteten und durch klassische Kreuzung Feldern mit der gleichen Pflanze stehen, obwohl letztere durch Pollenflug die Biopflanzen „kontaminieren“ könnten. Wir waschen seit Jahren mit Waschmitteln, in denen sich durch gentechnisch veränderte Mikroorganismen herstellte Enzyme befinden. Der Käse aus dem Supermarkt wurde mit Hilfe von Labferment hergestellt, der auch aus GV-Bakterien stammt.

Es ist seit Jahren auffällig, dass die Diskussion in der Öffentlichkeit überwiegend von Politikern geführt wird. Die Wissenschaftler werden außerhalb von Fachveranstaltungen so gut wie gar nicht wahrgenommen. Das ist ein Teufelskreis, denn aus Frust über die geringe Wahrnehmung, die Vermischung von politischen und wissenschaftlichen Aussagen und Anfeindungen ziehen sich viele Wissenschaftler aus der Diskussion zurück.

Dafür sind auch die Medien verantwortlich. Selbst die renommierte Tagesschau hat bei der Vermeldung des Gesetzenentwurfes nur die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn befragt. Frau Höhn aber wich den Fragen nach den konkreten Gefahren aus. Wieder wurde kein einziger der vielen Wissenschaftler interviewt, der die aktuelle Lage der Sicherheitsforschung kennt.

Wie der Kollege Christian Schwägerl von der FAZ richtig festgestellt hat, hätte Seehofer die Chance zur Aufklärung gehabt und sie vertan. Angst- und ideologiefreie Informationen aber erscheinen notwendig, nur sind sie nicht ohne die Stimmen der Wissenschaftler und ohne kritische Journalisten zu vermitteln, die nicht jede „Kontaminationgefahr“ außerhalb eines direkten Zitates einfach übernehmen. (wst)