Namenshaufen und Wurstberge
Im Netz sind gute Namen Mangelware geworden. Manche versuchen nun, mit der Verwertung von Schreibfehlern oder dem Verkauf von Landschaftsbezeichnungen reich zu werden.
- Peter Glaser
Fünf bis zehn Prozent der Netznutzer fragen keine Suchmaschine, um Ihren Wünschen im Web näherzukommen. Sie geben einfach den Namen, der sich so anhört, als könne er sie ihrer Absicht näherführen, direkt in die Adresszeile des Browsers ein. Wer etwa nach Schuhen sucht, probiert es vielleicht erst einmal mit schuhe.de oder shoe.com. Diese Direktsuche ist oft nicht besonders zielführend und, was Erlöse aus Online-Werbung angeht, nicht unbedingt profitabel. Obskure Web-Adressen ziehen vielleicht eine Hand voll Besucher im Monat an, von denen nur selten mal einer eine Werbefläche anklickt.
Interessant wird es allerdings, wenn man Hunderttausende solcher Sites betreibt. In den letzten drei Jahren hat die Zahl der ".com"-Domains um 130 Prozent zugenommen, auf 66 Millionen; alle zwei Sekunden kommt eine neue hinzu. "Domainer" wie die Amerikaner Kevin Ham oder Kelly Conlin gehören zu den virtuellen Großgrundbesitzern. Conlins Firma NameMedia verwaltet über 700.000 Domains. Kevin Ham macht mit seinen 300.000 Domains 70 Millionen Dollar Umsatz im Jahr. Unter anderem profitiert er von jedem, der sich vertippt und statt ".com" die Endung ".cm" eingibt – die Toplevel-Domain von Kamerun. Er verwendet eigene Software, um alle möglichen typografischen Variationen von Markennamen zu ermitteln, um jeden, der sich vertippt, auf seine Seite zu leiten. Dieses so genannte "Typo-Squatting" gerät nun ins Schussfeld der Justiz.
Die zahllosen Seiten, auf die man durch Tippfehler gerät, sind vollgestopft mit Werbelinks und Hinweisen auf einigermaßen zum Begriff passende Einkaufsmöglichkeiten. Kelly Conlin etwa hat an die 6.000 Seiten, deren Domainname irgendetwas mit Fotografie zu tun hat. Wer auf eine davon gerät, wird unweigerlich auf photography.com umgeleitet. Jeder Klick lässt es in den Kassen des Domainers klingeln.
Bei Google versucht man, den eigenen Markennamen an möglichst vielen Fronten zu sichern – nicht immer gelingt es. In Europa scheiterte das Unternehmen mit dem Versuch, die Bezeichnung "Gmail" als umfassendes Warenzeichen eintragen zu lassen. In Deutschland und England heißt der Dienst nun "Google Mail". In Polen verklagte Google eine Gruppe von Lyrikern, die unter gmail.pl firmierte. Die in Peking ansässige Internet-Registrierstelle ISM Technologies weigerte sich, dem amerikanischen Suchmaschinengiganten die Adresse Google.cn zu verkaufen.
Wie weit mancher inzwischen für einen Namen zu gehen bereit ist, zeigt der Versuch, den 2.767 Meter hohen Mullwitzkogel nahe der Ortschaft Prägraten in Osttirol neu zu taufen. Der Prägratener Gemeinderat hatte beschlossen, den Hausberg aus Gründen der "Wertschöpfung" nach einem Wiener Wursthersteller in Wiesbauer-Spitze umzubenennen. In Internet-Foren kochte die Volksseele über. "Damit", so der Tiroler Abgeordnete Gerald Hauser, "begänne ein billiger Schritt eines Ausverkaufs unserer Heimat an die globale Welt". Eine essbare Wurstspitze mit einem als Schneekuppe gemeinten Fettrand hat die Firma bereits im Angebot. Der Alpenverein weigert sich aber, den Berg in seinen Wanderkarten umzubenennen. (wst)