Ich brauch sie, ich brauch sie nicht

Technik ist Fortschritt. Gleichzeitig haben wir durch sie selbst so banale Dinge wie Händewaschen nicht mehr unter Kontrolle

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Neulich habe ich mit einer früheren Studienkollegin gechattet, die zurzeit in den USA arbeitet. Als ich erzählte, dass ich am Wochenende YouTube-Aufnahmen von Ellen DeGeneres’ Stand-up-Comedyshows entdeckt hatte, fragte sie: „Mein Gott, gab es ein Leben vor YouTube?“ Ich war des Spaßes halber geneigt zu sagen, ich erinnere mich nicht. Die Wahrheit ist, an den Zustand vorher erinnere ich mich schon, aber die Gewöhnung an das neue technische Angebot war mal wieder schleichend und unaufhaltsam vonstatten gegangen.

Anfangs habe ich den Hype um YouTube nicht wirklich verstanden. Was interessierten mich die privaten Videos fremder Leute? Die Muße, Musikvideos zu gucken, hatte ich auch nie. Hängengeblieben bin ich dann, weil ich damit prima die Musik hören konnte, auf die ich gerade Lust hatte. Mittlerweile höre ich, bevor ich eine CD kaufe, erstmal schnell bei YouTube rein, ob mir der überwiegende Teil der Lieder gefällt, was einen Kauf rechtfertigen würde (ja, ich gehöre noch zu denen, die statt dem individuellen Liederkauf bei iTunes & Co. immer noch CDs ersteht).

Und jetzt war diese Plattform der Auslöser für eine kleine philosophische Betrachtung über die Vorzüge der Technik. Meist bedeutet sie unbestritten Fortschritt. Aber manchmal, ja, da ist sie vielleicht auch ein bisschen zu viel des Guten – und wir bekommen es gar nicht mehr immer mit. Das ist nicht wirklich Grund zur Sorge, aber wenigstens zu etwas augenzwinkernder Selbstreflexion.

So wunderte sich Ellen DeGeneres in einem der Filmchen denn auch erfrischend selbstironisch darüber, dass durch die schleichende Übertechnisierung selbst ganz banale Dinge nicht mehr unserer Kontrolle unterliegen. War das Rauf- und Runterkurbeln der Autofenster zum Beispiel wirklich so anstrengend, dass es dem elektrischen Fensterheber weichen musste? Überlebt hat allerdings die Kurbelbewegung als universales Zeichen im Verkehr für „Mach mal das Fenster runter“. Die Handbewegung des Knopfdrückens wird nach wie vor von eher irritierten Blicken quittiert.

Das sei aber noch nicht alles. In manchen öffentlichen Toiletten nehmen einem diverse Automaten im Zeichen des Komforts (fast) jeden Handschlag ab. Das geht mit dem Sensor los, der registriert wenn man sich nach getaner Arbeit erhebt und automatisch die Spülung auslöst. Der Wasserhahn ist auch nicht mehr aufdrehbar, vielmehr muss man wie ein Jedi-Meister vor einem weiteren Sensor herumwedeln, wenn man Hände waschen möchte. Der Wasserhahn entscheidet dann quasi selbst, wieviel Wasser genug ist (ja, ich weiß, Wasser sparen) – oft reicht es nicht zum Abspülen der Flüssigseife. Deren Spender ist übrigens in manchen Örtchen ebenfalls mit einem Wedelsensor versehen.

Statt Papierhandtüchern gibt es Automaten mit Handtuchschleifen (genau, Abfall sparen), die auf Knopfdruck gerade mal zehn Zentimeter mehr oder weniger trockenes Leinen hergeben. Und dann sind da die elektrischen Trockner, die – was mir nie so recht in den Kopf wollte – Strom verbrauchen müssen, um meine Hände mit heißer Luft zu trocknen.

Als ich zuletzt ein Örtchen aufsuchte, hielt ich denn kurz inne und fragte mich, wie lange es wohl dauern wird, bis die Türen der Toiletten kein klassisches Schloss mehr, sondern einen Sensor haben, der (hoffentlich) registriert, wenn man gehen möchte. (wst)