Katzen, Karten
Die Re-Geografisierung des vermeintlich ortlosen Netzraums beantwortet sogar Fragen, in denen das Katasteramt nicht weiterhelfen kann.
- Peter Glaser
Ich wohne im zweiten Hof. Es ist ruhig und die Katzen können nicht raus auf die Straße. Mutmaßlich. Ich war mir nie ganz sicher. Es ist ein großer, mehrfach abgezäunter Hinterhof. Auch die amtliche Katasterkarte half mir in der Frage der Katzendurchlässigkeit nicht weiter. Durchschlüpfe sind darauf nicht verzeichnet.
Mit Karten ist das so eine Sache. In seinem berühmten Buch über das MIT Media Lab beschrieb der amerikanische Autor Steward Brand 1987, wie er sich in den besten Kartenfachgeschäften nach einer Karte erkundigte, auf der die Informationsströme der Welt verzeichnet sind. Er erntete Ratlosigkeit. Eine solche Karte gab es nicht.
Im 15. Jahrhundert war Portugal Zentrum einer neuen Kunst geworden: der Kartografie. Kartendiebstahl wurde damals mit dem Tod bestraft. Der NĂĽrnberger Martin Behaim, der in Lissabon lebte, brachte das Kartenwissen vom portugiesischen Hof mit und schuf den ersten Globus. Auf dem waren die Proportionen Asiens viel zu groĂź eingezeichnet, der Weg dorthin erschien ziemlich kurz. Kolumbus richtete sich nach dieser falschen Information.
Friedrich der Große, der den Wert genauer Karten für die Kriegsführung sehr hoch einschätzte, verbarg seine wertvolle Kartensammlung über seinen Wohnräumen im Potsdamer Stadtschloss. Eine knarrende Treppe diente ihm als Alarmeinrichtung.
Der israelische Unabhängigkeitskrieg von 1948/49 wurde nicht zuletzt mit Hilfe einer sehr alten Karte gewonnen, der Peutinger Karte aus dem 4. Jahrhundert. Der israelische Kommandeur Yigal Yadin wusste, dass auf dieser Karte Teile einer alten Straße von Jerusalem nach Eilat am Golf von Akaba eingezeichnet waren, die vom Wüstensand verschüttet war, aber von Panzern befahren werden konnte. Yadin war Archäologe. Er fand diese alte Straße wieder, kreiste die feindlichen Kräfte ein und öffnete danach einen Nachschubweg Richtung Rotes Meer.
Das Weltraumzeitalter verbesserte die Bedingungen erst einmal nur bedingt. Im Sechstagekrieg im Jahr 1967 kam der Film, der zeigte, dass sich ein Konflikt anbahnt, gerade aus dem Labor, als der Krieg zu Ende war.
Bei Ausbruch des Falklandkrieges 1982 ließ die britische Admiralität die weltweite Auslieferung der Admiralskarte Nr. 1354 stoppen. Diese Karte, die auf einen Kupferstich von 1884 zurückging, war plötzlich ein rarer Bestseller. Bei einem Seekartenhändler in Hamburg wurden sämtliche Kartensätze der Falklandinseln von einem argentinischen Seeoffizier, der zur Bauaufsicht einer Fregatte bei Blohm+Voss arbeitete, und einem Vertreter der argentinischen Staatsreederei in der Hansestadt am ersten Morgen der kriegerischen Krise weggekauft.
Ende der neunziger Jahre grĂĽndete der ehemalige Silicon Graphics-Manager Michael Jones die Firma Keyhole, die sich auf die moderne Aufbereitung von Satellitenfotos spezialisierte. 2004 wurde Keyhole von Google gekauft, die Software in Google Earth umbenannt und zusammen mit dem Kartendienst Google Maps ins Netz gestellt. Wenn man sich in Google Earth aus dem virtuellen Orbit in die Tiefe stĂĽrzt, fĂĽhlt man sich wie eine der Film-RĂĽckkehrkapseln, die frĂĽher aus Spionagesatelliten abgeworfen wurden.
Ich konnte auf den Aufnahmen sogar die Gartenmöbel unter der alte Kastanie neben dem Haus erkennen. Und – manchmal ist Big Brother ganz praktisch – man sieht den ganzen Grünzug des Hofs. Er ist geschlossen; kein Entkommen. Vielleicht bringt jetzt jemand auch noch eine Katzensuchmaschine ans Netz (nein, nicht die ). (wst)