Internet-TV: Global denken, lokal handeln
Wenn Konzerne und Regierungen wie in Europa uns das neue TV-Erlebnis vorenthalten, müssen wir sie daheim zu Veränderungen zwingen. Verbündete gibt es: In Japan treiben jetzt die Elektronikkonzerne das Internet-TV voran.
- Martin Kölling
Mein Kollege Ben Schwan forderte diese Woche in seinem Blogeintrag die Internet-User-Gemeinde zum internationalen Widerstand gegen Tendenzen auf, dass in den USA Fernsehsender ihr Internet-TV-Programm nur User mit einer US-IP-Adresse sehen lassen. Die Aussperrungstaktik im Namen des Copyrights ist sicherlich ein extrem unfreundlicher Akt, doch in meinen Augen sollten die lokalen Nutzergemeinden besser die Energien auf den Nahkampf mit ihren Medienkonzernen und Regierungen daheim verwenden, um endlich vor Ort dem Internet-TV zum Durchbruch zu verhelfen.
Denn erstens besitzen sie daheim als Konsumenten und Wähler wenigstens ein klein bisschen mehr Marktmacht als auf der internationalen Bühne. Und zweitens ist das eigentlich himmelschreiende Elend nicht die Aussperrung anhand der IP-Adresse, sondern dass Film- und Fernsehanbieter sowie die Regierungen in Deutschland, Europa und bis vor kurzem auch bei mir in Japan uns bis heute hochwertiges Internet-TV und Video-On-Demand vorenthalten oder Verbreitung und Zugang erschweren, obwohl die technischen Möglichkeiten für eine einfache Nutzung längst bestehen.
Ich kann das Begründungsmischmasch aus Urheberrechtsbedenken, alten Geschäftsmodellen und altem Denken sowie gesetzlichen Regelungen nicht mehr hören. Zu klar liegen für mich persönlich die Vorteile des Internet-Vertriebs auf der Hand, obwohl ich ein Freund des Analogen und nicht technikversessen bin. Schon seit Jahren leihe ich aus Geld- und Platzgründen Bücher und Filme lieber aus, als sie zu kaufen. Das Internet hebt für mich diesen von fassbarem Besitz unbeschwerten Lebensstil wengistens theoretisch auf ein höheres Niveau.
Erstens könnte ich von überall Zugriff auf eine Fülle von Inhalten haben über mein Notebook, an dem ich an regen Tagen mehr Zeit als im Bett verbringe. Zweitens könnte ich die Investitionen in totes Kapital reduzieren wie immer neue Regale für noch mehr Bücher, DVDs, CDs und zu auswucherndem Wachstum neigende Zeitungs- und Zeitschriftenausschnittsarchive. Unglücklicherweise sind Filmsuche, Download und Streaming noch mühseelig – selbst bei mir in Japan, das wengistens von der Infrastruktur her zu den führenden Breitband-Internetnationen der Welt gehört.
Ok, ich kann in Tokio selbst digitales terrestrisches TV kostenlos auf meinem Handy empfangen. Aber on Demand zeigen die TV-Sender im Internet eine erbärmlich kleine Auswahl ihres Programms in erbärmlich kleinen Bildern. Und Video-On-Demand mit teilweise prall gefüllten Titel- und TV-Kanal-Angeboten gibt es zwar schon seit Jahren. Doch kann ich mir nicht frei den besten Anbieter aussuchen, da die guten digitalen Videotheken bisher an die Internetprovider gekoppelt sind.
Der Industrie geht durch diese Hürden viel Geld verloren, schließe ich aus meinem eigenen Verhalten. Wäre der Zugriff auf Filme einfach und nicht zu teuer (je nach Film würde ich zwei bis fünf Euro bezahlen wollen) würde ich sicherlich öfter ein Filmchen leihen, anstatt mich wie bislang im DVD- und erst recht in Blu-ray-Disk- oder HD-DVD-Kaufverzicht zu üben. Immerhin setzt langsam ein Umdenken ein. In Japan gibt es seit kurzem den Free-Internet-TV-Anbieter Gyao. Dort gibt es monatlich abwechselnde japanische und ausländische Movies, TV-Serien, Nachrichten und softe Erotik auf Klick für lau mit Computer-Bildschirm füllender Qualität. Finanziert wird das Angebot durch anklickbare Werbung am rechten Bildschirmrand während des Films und durch 45- bis 90-sekundige Werbeblöcke, die alle zehn bis 15 Minuten das Programm unterbrechen.
Richtig große Pläne haben Japans Fernsehhersteller wie Panasonic, Sony, Sharp und Hitachi mit der Internet-TV-Plattform AcTVila, die Anfang September ans Netz geht. Inzwischen kommen die ersten Flachfernseher auf den Markt, die direkt auf die Plattform zu greifen und dann interaktive Inhalte in hoch auflösender Qualität auf die TV-Flundern in den Wohnzimmern streamen.
In anderen Ländern mag es ebenso beispielhafte Ansätze geben. Anstatt zu versuchen, virtuell ins amerikanische Medienexil zu fliehen, sollten wir die globalen Best Practises sammeln und unseren kleinmutig zögernden und zagenden Medienmanagern und -politikern immer wieder um die Ohren hauen nach dem Motto: Seht, da können die Kunden längst, was wir schon lange wollen und ihr uns vorenthaltet. Erzählt uns also nicht, dass es nicht geht, sondern ändert euch, wenn ihr unser Geld und unsere Stimmen wollt. (wst)