Die vertrackte Sehnsucht nach dem Analogen
Die neuen digitalen Fotoapparate, die es auf der IFA zu sehen gibt, sind so perfekt, dass sie schon fast wieder langweilig sind. Immer mehr Fotografen schalten daher alle Fotohilfen ab oder kehren sogar zum guten, alten Film zurĂĽck.
- Martin Kölling
So spannend wie jetzt kurz vor der Internationalen Funkausstellung in Berlin war die Digitalfotografie schon lange nicht mehr. Die Kamerahersteller überbieten sich mit noch höheren Auflösungen, noch höherer Lichtempfindlichkeit von Bildsensoren in den unterschiedlichsten Größen und Qualitätsstufen sowie noch mehr Automatikprogrammen, die das Fotografieren noch einfacher und die Fotos noch besser machen sollen. Darüber hinaus debütieren viele Hersteller in Segmenten, in denen sie sich bisher noch nicht tummelten. Ergo: Nie war die Auswahl an Pixelknipsern in allen Preisklassen größer.
Japans Taschenrechner- und Uhrenhersteller Casio hat nach seinen auf Schlankheit getrimmten Billigknipsern bereits einen Fotoapparat vorgestellt, mit dem man auch Videos schießen und ohne weitere Bearbeitung auf YouTube hochladen kann. Außerdem wird das Unternehmen auf der IFA in den Markt für größere Kompaktkameras vorstoßen, die in ihrer Funktionalität mit Spiegelreflexkameras zu konkurrieren vorgeben, verriet mir Casio-Chef Kashio.
Das Traditionshaus Nikon greift Marktführer Canon nun auch bei so genannten Full-Frame-Sensoren an, die so groß sind wie der gute, alte 35 Millimeter-Film. Mit einer Lichtempfindlichkeit von maximal 25600 ISO ("geboostet") und 12 Millionen Bildpunkten geriert sich die 5180 Euro teure Nikon D3 damit als hochauflösendes Nachtsichtgerät. Canon wiederum bohrt den Full-Frame-Chip seines neuen und rund 8000 Euro teuren Flaggschiffs, der 1DsMarkIII, von 16,8 auf 21 Megapixel auf und wagt sich damit von der Auflösung her ins Mittelformat vor. Die Elektronikhersteller Panasonic und Sony dürften aller Voraussicht nach auch mit neuen Angeboten versuchen, den Markt für digitale Spiegelreflexkameras aufzumischen.
Die Live-Ansicht von Bildern auf dem LCD der Spiegelreflexkameras, erstmals eingeführt von Panasonic und seinem technischen Partner Olympus, wird in diesem Jahr Standard im Segment sein. Als neuesten technischen Hit präsentiert Panasonic die Erkennung und Verfolgung von gleich mehreren Gesichtern auf einem Foto zum Zwecke der Fokussierung und einen neuen Auto-Modus, der Motive erkennen soll und dann automatisch in den angemessenen Szenenmodus schaltet. Am Strand bei Gegenlicht wird dann wohl der Aufhellungsblitz zugeschaltet, bei Nahaufnahmen der Makromodus, bei Portraits auf den Portraitmodus – und so weiter, und so fort. Einfach den Bildausschnitt bestimmen und abdrücken, den Rest erledigt die Kamera.
Ein ganz neuer Trend ist (gepusht von gewinnhungrigen Internet- und Zeitungsverlegern), Videos zu schieĂźen und Einzelbilder aus dem Film dann abzudrucken. Sony verspricht, dass kĂĽnftige CMOS-Sensoren bis zu 60 Frames pro Sekunde schaffen. So kann der entscheidende Moment dem "Videografen" kaum noch entkommen. Herrlich einfach, oder?
In der Tat sogar zu einfach. Ich habe mich bereits in den letzten Monaten dabei ertappt, bei meiner betagten digitalen Spiegelreflexkamera Canon 10D alle Automatikfunktionen abzuschalten – sogar den Autofokus. Wie in den Siebzigerjahren wähle ich Blende, Verschlusszeit und Schärfe selber, um vom Auslösereflex der Digitalfotografie (ein Bild kostet ja nichts im Vergleich zum Film) wieder bewusster die Umwelt wahrzunehmen und die Kamera zu beherrschen, anstatt von ihr bevormundet zu werden.
Meine professionellen Fotografenfreunde hier in Tokio kaufen sich auf eBay sogar alte oder bei den verbliebenen Herstellern neue Großformatkameras auf, weil ihnen die vollautomatisierte Fließbandfotografie entseelt und manipulierbar vorkommt. Sie wollen ihre Bilder bewusst komponieren und statt industriell gefertigten Bildern wieder kunsthandwerklich einmalige Momente unwiderruflich auf Filmplatte oder Zelluloid brennen und dann in der Dunkelkammer aufs Papier bannen. Einigen ist selbst das noch zu modern und sie entdecken den Platin-Palladium-Druck für sich neu, der Ende des 19. Jahrhundert seine Urständ feierte. Bei dem wird das Großbild negativ direkt auf das Papier gelegt und durch Sonnenlicht belichtet.
Das geht mir wiederum etwas zu weit. Ich wünsche mir eine Digitalkamera, die sich so einfach bedienen lässt wie eine klassische Kamera. Blende am Objektiv einstellen, die Zeit am Gehäuse. Im Kleinbild ähnlichen Format bietet Leica das derzeit mit seiner M8 für ein paar Tausend Euro an. Hmm, verlockend, aber – mal ganz ehrlich – irgendwie kommen mir deren zehn Megapixel zu mickrig vor. Da haben ja die neuen Kompaktknipser schon 20 Prozent mehr Bildpunkte. Wenn sie nur ein paar Millionen Pixel mehr hätte...
Es ist schon ein Kreuz mit der Vielfalt in der neuen Welt der Digitalfotografie. (wst)