Selbst ist der Patient?
Wenn Unternehmen medizinische Informationen verschweigen, dann kann es daran liegen, dass sie etwas verkaufen wollen, wo Wert im besten Falle fragwĂĽrdig ist.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Ich habe häufiger das Gefühl, dass man sich als (potenzieller) Patient selbst in der Medizin auskennen muss, und zwar gut. Manchmal verweigern Mediziner zum Beispiel Informationen, die sie für zu kompliziert – oder zu erkläraufwendig – halten. Da war zum Beispiel die Hausärztin, die mir partout nicht erklären wollte, warum ich das synthetische Schilddrüsenhormon weiter nehmen soll, wenn doch die Unterfunktion nicht mehr da ist. Statt der Beratung, die bei so einem Eingriff in den Stoffwechsel meines Körpers erwartet werden dürfte, gab es Ratschläge à la „Das können Sie sich im Internet nachlesen“ oder „Um das zu verstehen, brauchen Sie ein Medizinstudium.“ Nur das energische Einfordern der Aufklärung – der Hinweis auf das abgeschlossene Bio-Studium zog zunächst auch nicht – förderte die zwei(!) entscheidenden Sätze zutage, die den ärztlichen Rat wieder logisch erscheinen liessen.
Wenn Unternehmen medizinische Informationen verschweigen, dann kann der Grund darin liegen, dass sie etwas verkaufen wollen, dessen Wert im besten Falle fragwürdig ist. Dieser Eindruck drängt sich bei der US-Firma StemLifeLine auf. Ihr Angebot lautet: wir verwandeln die überzähligen Embryonen, die bei Ihrer künstlichen Befruchtung nicht eingepflanzt wurden, in embryonale Stammzellen, lagern diese in Tiefkühlbehältern ein – und eines Tages könnten sie für die Behandlung der Klienten und ihrer Familienmitglieder eingesetzt werden. Ob Parkinson, Herzinfarkt oder Verletzungen des Rückenmarks – die Therapie mit Hilfe der molekularen Alleskönner liege buchstäblich „um die Ecke“.
Um glaubhaft zu wirken, listet die Webseite zu jeder Anwendung viel versprechende Forschungsergebnisse auf, verschweigt aber, dass es sich dabei noch um Tierversuche handelt. Das findet der potentielle Kunde nur heraus, wenn er neugierig genug ist, dem Link (immerhin!) zu den entsprechenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu folgen. Kein Wort findet sich natürlich darüber, dass es von Mausversuchen noch ein weiter Weg zur Behandlung von Menschen sein dürfte – und dass viele Maus-Ergebnisse sich letztlich nicht auf den Menschen übertragen lassen.
Kostenpunkt? Fehlanzeige. Auch die Tatsache, dass die Stammzellen nur zum Spender passen würden – also dem Embryo, das die Stammzellentnahme leider nicht überlebt – bleibt unerwähnt. Selbst wenn also eine Therapie für Familienangehörige möglich würde, müssten diese genau so ein Leben lang Immunsuppressiva schlucken, wie Familien-interne Empfänger von Spenderorganen. „Es gibt keinen Grund dafür, eingefrorene Embryonen aufzutauen, Stammzelllinien zu erzeugen und diese dann wieder einzufrieren, bis eine Therapie möglich ist“, sagt Eric Chao, Stemmzell-Biologe am Stanford Institute for Stem Cell Biology and Regenerative Medicine in Palo Alto.
In Deutschland wäre ein solches Angebot unmöglich, weil die Entnahme von Stammzellen aus überzähligen Embryonen verboten ist. Aber es gibt immer mehr auch hierzulande erhältliche Angebote, deren Fragwürdigkeit sich nur bei genauem Hinsehen erschließt. So bietet das US-Unternehmen Sciona seine Dienste auch über einen europäischen Partner an und verspricht, aus einer Genanalyse – und den Ernährungsgewohnheiten – das Risiko für bestimmte Krankheiten und Ernährungsempfehlungen abzuleiten. Der Test kostet mehrere hundert Euro, die Empfehlungen lauten mehr Obst, Fleisch oder Milchprodukte. Ein Ernährungsberater hätte das gleiche billiger geleistet.
Es bleibt zu hoffen, dass parallel zu diesen Entwicklungen immer mehr Patienten und Verbraucher sich die Mühe machen, solche Angebote kritisch zu hinterfragen. Wem die Recherche im Internet – verständlicherweise – zu langwierig oder zu undurchsichtig ist, sollte wenigstens bei den Verbraucherschutzverbände anfragen – oder hartnäckig seinen Arzt oder Apotheker fragen. Dafür ist dieser da. (wst)