Von explodierenden SparbĂĽchsen und anderen Innovationen
Die Ideen japanischer Firmen mögen manchmal verrückt aussehen. Doch hinter scheinbaren Abstrusitäten steht oft Kalkül: Mit ständigen und immer schnelleren Produktneuheiten wollen die Unternehmen selbst in überreifen Märkten noch wachsen.
- Martin Kölling
Als Kind hatte ich eine Sparbüchse, die war wirklich gut zum Sparen. Einfach, praktisch und preiswert. Es war ein Igel aus Ton, oben ein Schlitz und unten ein Metalltürchen, damit ich an das Ersparte ohne die Zerstörung des Igels herankommen konnte. Der Igel hielt Jahrzehnte und verhinderte damit – wie unternehmensfeindlich! – Ersatzkäufe. Das muss doch auch anders gehen, hat sich nun der Spielzeughersteller Tomy in Japan gedacht und mit dem Einbau von Elektronik in die Sparbüchse das Sparprinzip umgedreht. Technisch komplex, teuer und gewinnbringend soll die Sparbüchse werden – vor allem für das Unternehmen.
Das neueste Produkt des Spielzeugkonzerns nennt sich "Chokin Bakudan", zu Deutsch: die Sparbüchsenbombe. Wenn man sie nicht regelmäßig füttert, warnt sie erst mit Licht und Ton, bevor sie dann irgendwann "explodiert", sprich aufploppt, und die Ersparnisse in ihrer Umgebung verteilt. Ab Ende Oktober bis Ende März 2008 will Tomy 200.000 dieser Bomben für leidlich hohe 2992 Yen pro Stück (20 Euro) verkaufen.
Mut macht dem Unternehmen der Erfolg seiner "Jinsei Ginko" (Lebensbank). Bei dem Plastikwürfel handelt es sich vielleicht um die erste Sparbüchse mit integrierten Videospiel. Wie beim legendären Tamagotchi-Küken, das gepflegt werden wollte, kann der Sparer durch den Einwurf von 500 Yen Stücken dem Bewohner eines kleinen Schwarzweiß-Displays den sozialen Aufstieg aus einer drei Tatami-Matten-Stube in ein Luxusappartment finanzieren. Mit einem Kaufpreis von 4987 Yen (knapp 32 Euro) und den Unterhaltskosten für die Batterien ist die Spareffizienz dieses Produkts leider miserabel, klagen nicht nur japanische Amazon-Käufer. Dennoch boomt der Verkauf. 100.000 Stück sollten dieses Jahr verkauft werden, 230.000 wurden allein bis Ende August verschifft.
Für verhältnismäßig moderate 1000 Yen (6,40 Euro) gibt es zudem die "Jinsei Ginko One", die man auf Pet-Plastikflaschen schrauben kann. Sie zählt die 1-Yen-Stücke, die man dort einwirft. Obwohl auch dieses Gerät sich schwerlich ökonomisch rechnet, hat es im Internet seine Fans. Ein Kommentator erklärt, dass er es sich nun immerhin sparen kann, die gesammelten Ein-Yen-Stücke, die sich nutzlos im Portemonnaie ansammeln, per Hand zu zählen.
Solche Beispiele der tabulosen Verspieltheit ziehen sich durch Japans gesamte Wirtschaft, vom Einzelhandel über die Nanotechnologie bis hin zu Elektronik- und Autoherstellern. So werden pro Jahr mehrere hundert "neue" Getränkeprodukte und unzählige neue Kartoffelchip-Varianten in den Einzelhandel gebracht, um den Kaufreflex der verwöhnten Kundschaft auszulösen. Die Elektronikhersteller führen im Jahrestakt neue Features ein, beispielsweise bei Fotoapparaten. Das Ziel ist, die "Geiz ist geil"-Konkurrenz aus dem asiatischen Ausland auf Abstand zu halten. Unter den Autobauern hat Toyota seine Marktführerschaft daheim auch durch ein wahres Feuerwerk der Produktneuheiten errungen: 54 Modelle bietet der Konzern in Japan derzeit an.
Dieses Produktkarussell erschwert es zum einen westlichen Firmen, in Japan Fuß zu fassen. Zum anderen hält es die Japaner trotz chinesischer Angreifer in Industrien wie der Spielzeug- und Elektronikindustrie, aus denen die etwas betulicheren europäischen Hersteller bereits weitgehend ausgeschieden sind. Man mag den Trend zur Schnelllebigkeit bejubeln oder beklagen, doch wollen Unternehmen bestehen, müssen sie eine überzeugende Antwort auf Nachahmer und Billigheimer finden. Dass es auch bei uns geht, zeigen Aufsteiger wie der deutsche Solarzellenhersteller Q-Cells, der derzeit mit massiven Investitionen in Innovation und hohem Tempo versucht, Nippons Sonnenkollektoren-Platzhirsche zu überholen. (wst)