IT-Kur für Tante-Emma-Läden
In Deutschland wird seit Jahrzehnten das langsame Aussterben der Tante-Emma-Läden beklagt. In Japan hingegen boomt eine Art dieser Nachbarschaftsläden seit Jahren nahezu ungebremst, dem Fortschritt der Informationstechnik sei dank.
- Martin Kölling
In Deutschland wird seit Jahrzehnten das langsame Aussterben der Tante-Emma-Läden beklagt. In Japan hingegen boomt eine Art dieser Nachbarschaftsläden seit Jahren nahezu ungebremst, dem Fortschritt der Informationstechnik sei dank. Gemeint sind Japans "Convenience Stores". In den USA erfunden, wurden sie in Japan seit ihrer Einführung 1969 zu einem Kulturphänomen entwickelt, das nun von Nippon ausgehend den Rest Asiens erobert.
Ein durchschnittlicher Laden dieser Art ("Conbini", wie sie abgekürzt in Japan genannt werden) bietet auf 100 Quadratmeter Fläche rund 2500 Waren des alltäglichen Bedarfs an – 24 Stunden pro Tag, 365 Tage im Jahr. Wenn der Kühlschrank leer ist, ein bisschen Milch fehlt oder Brot, der Hunger nach Süßem oder Salzigem ruft, der Magen nach einer richtigen Mahlzeiten schreit oder die Kehle nach Mineralwasser, Dosen-Kaffee oder Bier oder Schnaps – im Conbini gibt's das alles. Darüber hinaus auch Papier, Batterien, Seife, Rasierklingen, Zeitungen, Magazine, Videos, Sauerstoff in Dosen und sogar iPods.
Kopieren kann man dort, Fotos drucken, am Geldautomaten Geld einzahlen und abheben, Bahn- und Kinotickets am Automaten bestellen und natürlich Pakete und Post abgeben, im Internet bestellte Waren auslösen und Gas-, Strom- und Wasserrechnungen bar bezahlen. Noch was vergessen? Ach ja, ein Klo gibt's auch. Und sollte ein Erdbeben die Stadt einebnen, dienen die überlebenden Conbinis per Gesetz sogar als erste Notversorgungsstationen für die umliegenden Anwohner.
Das Angebot zieht – obwohl die Waren im Conbini rund ein Drittel mehr kosten als im Supermarkt. Laut der japanischen Franchisevereinigung gab es im Juli 2007 insgesamt 40893 Conbini (557 mehr als ein Jahr zuvor) und sie verzeichneten in jenem Monat über eine Milliarde Kunden, die im Schnitt jeweils 588,3 Yen (3 Euro 68) pro Besuch ausgaben.
Logistisch ermöglicht werden die Conbinis durch hochentwickelte IT-Systeme, die tausende Läden einer der beherrschenden Franchiseketten wie Seven-Eleven, Lawson oder FamilyMart in Echtzeit mit den jeweiligen Lagern, Lieferwagen und Datenbanken verbinden. Kaufe ich ein Brot, gibt der oder die Angestellte an der Kasse für die Statistik mein Geschlecht und mein vermutliches Alter und liest dann per Bar-Code-Reader die Ware ein. Während ich zahle, schickt die Kasse die Warenentnahme ans Lager und in der nächsten von täglich mehreren Lieferungen kommt schon der Nachschub, sollte das Produkt fast ausverkauft sein.
So kommt es erstens, dass selten ein Artikel gar nicht zu haben ist. So kommt es zweitens, dass das Sortiment sich je nach Tageszeit ändert. Und so kommt es drittens, dass sich auch das Sortiment der Läden je nach Lage unterscheidet. Mehr Alkoholika in Wohnbezirken, größere Printmedienauswahl an den Bahnstationen, mehr Reisbällchen und Fertigmahlzeiten in den Bürozonen. Die Ketten kennen ihre Kunden und deren Wünsche sehr genau. Läuft ein Produkt nicht gut, fliegt es binnen weniger Wochen aus dem Sortiment und wird durch ein anderes, oft anhand der gewonnenen Informationen mit den Herstellern gemeinsam entwickeltes Produkt ersetzt.
Mit der inzwischen in den japanischen Großstädten erreichten, flächendeckenden Verbreitung von elektronischem Geld erobern die Ketten sogar die letzte Bastion der traditionellen Tante-Emma-Läden, nämlich die detaillierte Kenntnis der persönlichen Kundenwünsche. Während die meisten Ketten sich auf die Abbuchung von den weit verbreiteten elektronischen Bahntickets oder Handys mit Bezahlfunktion beschränken, hat Japans mit über 10.000 Mini-Läden größte Kette Seven-Eleven dieses Jahr sogar eine eigene Geldkarte (Nanaco) ins Leben gerufen. Egal ob man Kondome oder Schnaps kauft, nichts entgeht dem Datenkraken so. Damit weiß die Kette im Nu elektronisch mehr über eine Person, als Tante Emma jemals wusste. Und manchmal kennt man sogar die Bedienung und kann einen kurzen Plausch halten... (wst)