Wunderbare mobile Fernsehwelt
Digitales Mobilfernsehen ist in Japan dieses Jahr zum Standard avanciert. Braucht man das? Japaner schon, aus gutem Grund.
- Martin Kölling
Meine Frau? Mein Auto? Mein Haus? In Japan hat sich das Auftrumpfen unter richtigen Männern auf andere Bereiche verschoben: Neueste Elektronikspielzeuge. „Ich muss Ihnen mal was zeigen“, sagte kürzlich bei einer gemütlichen Tischrunde ein recht hochrangiger Pressesprecher eines recht riesigen japanischen Konzerns. Er zog seine Tasche heran und einen Gigabeat-Mediaplayer aus dem Hause Toshiba heraus: Drei-Zoll-LCD, 80 Gigabyte Festplatte. Damit könne er jetzt digitales TV sehen und sogar Filme – und natürlich Berichte über sein Unternehmen – aufnehmen und später gucken, schwärmte er. Und im Gegensatz zu Deutschland kostet der Empfang noch nicht mal was. Beieindruckt zischten wir Tischnachbarn durch die Zähne.
Nächster Schritt: Ab ins technische Kaufhaus. Und, oh Wunder. Überall wimmelt es von digitalen Bonsai-Glotzen, die das japanische „1Seg-Format“ für mobiles terristrisches Digital-TV verarbeiten können. Bei Handys ist 1Seg dieses Jahr wie von den Handyentwicklern bereits Anfang 2006 vorhergesagt bereits zur Killerapplikation avanciert. Sharp und Sony gehen sogar so weit, ihre Fernsehhandys unter den Markennamen ihrer Flach-TVs zu verscherbeln. Auch digitale Wörterbücher, in Japan mit seinen vielen Schriftzeichen, die heute immer weniger Leute vollständig beherrschen, ein großer Markt, fühlen sich ohne TV-Funktion irgendwie minderwertig an. Darüber hinaus gibt es eine lange Reihe von einfachen portablen Digital-TVs der verschiedensten Größen.
Das Angebot ist überwältigend, trotz der Kinken des Systems. Anders als in Europa setzt Japan nicht auf den DVB-H-Standard, sondern seinen eigenen 1Seg-Standard für den Digital-TV-Genuss unterwegs. Es wurde 2005 testweise und am 1. April 2006 offiziell eingeführt. Im Herbst 2005 brachte der Mobilnetzanbieter AU bereits die ersten 1Seg-Handys auf den Markt, lange bevor in Europa die ersten Netze aufgebaut wurden. Der merkwürdige Name entstammt der Tatsache, dass terristrische Digitalfernsehprogramme im japanischen ISDB-T-Standard auf 13 Kanälen ausgestrahlt werden. Ein Dutzend sind für das hochauflösende Digitalfernsehen reserviert, einer für mobile Geräte.
Die Verheißung der immerwährenden TV-Berieselung krankte bisher nur daran, dass der Empfang in fahrenden Fahrzeugen schlecht war und in den Städten viele Millionen Pendler wenigstens zeitweise in U-Bahnen und damit ohne Empfang reisen. Doch wie Toshiba zeigt, schließen die Hersteller diese Lücke hardwareseitig. Gleichzeitig arbeiten die Fernsehanstalten daran, auch die Sendequalität in Tokio auf ein neues Niveau zu heben. Im Stadtteil Asakusa soll ein 610 Meter hoher Sendeturm errichtet werden, der höchste der Welt. Bisher muss eine 333 Meter hohe, rot-weiß angemalte Kopie des Eiffel-Turms als Sendemast dienen.
Braucht man das? Nicht wirklich, aber darum geht es nicht. Japans Elektronikhersteller suchen nach immer neuen Möglichkeiten, Produkte in übersättigte Märkte zu verkaufen. Besonders bei portablen Geräten haben daher seit der Einführung des mobilen Internets vor acht Jahren Funktionen zum Zeitvertreib Hochkonjunktur. Es geht um nichts anderes, als Zeit totzuschlagen, erklärte mir ein Handyingenieur. Denn über nutzlos verbrachte Zeit verfügen Japans Berufstätige zuhauf. (wst)