Digitales Doping

Auch die moderne Computertechnik verleitet Sportler dazu, neuartige wie verbotene Hilfsmittel einzusetzen. Macht aber nichts: Beim Wrestling geht ja auch niemand mehr davon aus, dass es sich um einen ehrbaren Ringkampf handelt.

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Von
  • Peter Glaser

Der Wunsch, die menschlichen Körper- und Geisteskräfte zu überschreiten, ist so alt wie die Kulturgeschichte. Durch Drogengebrauch oder Askese hervorgerufene metaphysische Einsichten – oder Halluzinationen, wie man möchte – sind seit Jahrtausenden in Religion, Okkultismus und Kunst gang und gäbe. Heute muss gar nicht mehr chemisch oder mit Blutaufpeppung gedopt werden. Es geht auch elektronisch oder pneumatisch.

Professor Guang-Zhong Yang vom Imaging Sciences Centre am Londoner Imperial College beispielsweise hat gemeinsam mit Kollegen ein kleines Bluetooth-Gadget entwickelt, das die Performance von Leistungssportlern verbessern soll. Wie der Name andeutet, wird der "e-AR"-Sensor hinterm Ohr getragen, wie ein Hörgerät. Er übermittelt eine Reihe von Körperdaten wie Frequenz, Länge und Beschleunigung der Schritte, Körperhaltung oder die Reaktionen auf die Schockwellen, die den Körper nach jedem Auftreten durcheilen. Ein Trainer kann auf einem PDA oder einem Laptop diese Daten erstmals in Echtzeit verfolgen und die Bewegungsabläufe des Sportlers – und damit seine Leistung – verbessern. Der Sensor ist inspiriert vom Innenohr, von dem die Bewegungen und das Gleichgewicht des Menschen kontrolliert werden.

Anders als bisherige Körpersensoren lässt sich e-AR unauffällig anbringen, tragen und sofort auslesen. "Wenn nun biomedizinische Daten jederzeit zur Verfügung stehen, etwa beim Training, kann das den ganzen Prozess der Optimierung sportlicher Techniken beschleunigen und vereinfachen", sagt Yang. Kameras und Mobiltelefone (a.k.a. Abhörwanzen) lassen sich bereits so verkleinern, dass man sie in Hemdknöpfe einbauen kann – es ist zu erwarten, dass man sie demnächst wird einatmen können. Als berührungslose Alternative zu umständlichen analogen Eintrittskarten lassen Menschen sich längst reiskornkleine RFID-Chips implantieren. Der Tag ist also nicht fern, an dem bei Wettkämpfen nicht mehr nur Körperflüssigkeiten von Athleten auf unerlaubte Mittel getestet werden, sondern die Sportler sich durch Detektorschleusen und Scanner bewegen werden müssen, um heimlich eingepflanzte Turbotrainer und Biobooster zu orten.

Die Grenze ist langsam erreicht. Auf der einen Seite steht das Ideal des mit nichts als seinem Körper agierenden Sportlers, der durch hartes Ausdauertrainung, windschlüpfrige Ausrüstung und Bewegungsoptimierung Rekorde inzwischen nur noch um Zehntel- oder Hundertstelsekunden überbieten kann. Auf der anderen Seite stehen die, welche die Grenze bereits überschritten haben. Die kollektiv dopen, wie man es vom Radsport annehmen muss – der eine macht's, weil der andere es sicher auch macht, etc. So wie beim Wrestling nicht einmal ein Kind mehr davon ausgeht, dass es sich um einen ehrbaren Ringkampf handelt, sollte man das Dopen legalisieren und dafür eine eigene Leistungsklasse einführen, eine Art Überschallsport mit Unterhaltungscharakter.

Beim Sport ohne Doping geht es darum, was der Mensch zu leisten imstande ist. Beim gedopten Sportler geht es darum, was das Hilfsmittel leistet. Die Fortschritte bei pharmazeutischen und technischen Werkzeugen – und die zunehmenden Begehrlichkeiten danach – stellt uns vor eine grundlegende Frage.

Beim Fußball zum Beispiel gäbe es durchaus die Möglichkeit, durch weitgehende Digitalisierung des Schiedsrichters mehr Fairness und gerechtere Entscheidungen zu bekommen. Man erkennt daran aber auch, welche Bedeutung der menschlichen Fehlbarkeit zukommt. Was Rechnern und Hightech-Hilfsmitteln abgeht, ist die Fähigkeit zur Tragödie. Die Möglichkeit, an einer Situation zu scheitern.

Was passiert, wenn der Schiedsrichter automatisiert würde? Die übersichtlichen Regeln des Fußballs verlocken dazu, ihre Einhaltung Kontrollchips, Sensoren und Kameras zu überlassen. Für viele Spiele und Sportarten aber wäre zu viel technische Aufrüstung der Untergang. Beim Stierkampf macht es auch keinen Sinn, den Torero mit einer Maschinenpistole auszustatten. (wst)