Menschen mit groĂźer Zukunft

Woher nehmen wir eigentlich den Optimismus, dass sich die globalen Umwelt- und Wirtschaftsprobleme am Ende doch noch für alle im Guten lösen lassen?

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Von
  • Niels Boeing

Viele von uns, mich eingeschlossen, leben mit einer Schere im Kopf. Auf der einen Seite sind wir uns beunruhigender Trends bewusst – etwa knapper werdende Ressourcen, Umweltdegradation, zunehmende soziale Spannungen oder der „Krieg gegen den Terror“. Auf der anderen Seite glauben wir irgendwie doch, dass sich langfristig alles noch zum Besseren wenden ließe – jedenfalls im Prinzip. Das ist der Lomborg in uns.

Mein innerer Lomborg hatte allerdings eine schwere Zeit, als ich kürzlich endlich mal Jean-Christophe Rufins „Globalia“ las. Rufin, Mitgründer von Ärzte ohne Grenzen und ein profunder Beobachter der Globalisierung, entwirft in diesem utopischen Roman einen Staat, der die großen Probleme von heute technisch und politisch gelöst hat.

Globalia ist eine weltumspannende Demokratie, die nationalen Borniertheiten und Diskriminierung ein Ende gemacht hat. Jedem Bürger steht ein Grundeinkommen zu, ohne dass die kapitalistische Wirtschaftsordnung darunter gelitten hätte. Die Medizin verhilft den Globaliern zu einer für heutige Verhältnisse biblischen Lebenserwartung. Total vernetzt sind sie natürlich auch. Sogar das Wetter hat man lokal ebenfalls im Griff dank mit Magnetfeldern operierenden „Schönwetterkanonen“ am Rande (meist überkuppelter) Städte. In Globalia sind eigentlich all die Langzeitvisionen verwirklicht, mit denen uns Trendforscher und Technikenthusiasten in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik immer wieder zu begeistern versuchen.

Die Sache hat – natürlich – zwei Haken: Ein sehr umtriebiger und subtil agierender „Gesellschaftsschutz“ sorgt dafür, dass die Globalier nie an ihrem Glück zweifeln. Vor allem aber: Die große Zukunft hat nicht für alle gereicht.

Wer nicht im hermetisch abgeriegelten Globalia lebt, das eher ein interkontinentaler Metropolenverband ist, fristet in den „Non-Zonen“ ein jämmerliches Dasein. Dort ist das technische Niveau der Zivilisation auf vorindustrielle Zeiten gesunken – erodierte Landschaften, aus denen hier und da Industrieruinen emporragen. Die Non-Zonen sind nur noch mit militärischer Gewalt kontrollierte Rohstofflieferanten, denen jedes Knowhow fehlt. Dumm gehaltene Zonen-Bewohner, die in rivalisierende Clans zerfallen, bewachen etwa als „Ozonbrunnen“ bezeichnete Regenwaldareale, die Globalia als CO2-Senken benötigt.

Es ist vor allem Rufins Schilderung dieser Non-Zonen, die so beunruhigend plausibel wirkt. Sie ähnelt nämlich verblüffend der Situation mancher Drittwelt-Gegend in den so genannten failed states – heute.

Als ich das Buch durch hatte, musste ich mich fragen: Woher nehmen wir eigentlich den Optimismus, dass etwa die Millennium-Entwicklungsziele der UNO für die „Dritte Welt“ je flächendeckend erreicht werden können? Der britische Premier Gordon Brown soll vor einiger Zeit in einem nichtöffentlichen Gespräch 2130 als frühesten Zeitpunkt genannt haben, an dem Afrika technisch und wirtschaftlich zum Westen aufgeschlossen haben könnte. Wenn alles gut läuft.

Noch ein Gedanke war sofort da: Wir starren in die falsche Richtung, wenn wir die Gegenwart auf Parallelen etwa mit Orwells „1984“ oder der biotechnischen Klassengesellschaft à la „Gattaca“ abklopfen. Selbst wenn es am Ende nichts mit den gigantischen Glaskuppeln über den Städten werden sollte: Globalia ist ein realistischer Ausblick auf das späte 21. Jahrhundert. Denn es verspricht den Globalisierungsgewinnern im wahrsten Sinne des Wortes das Blaue vom Himmel. Wer, zumal im Westen, würde nicht gerne zu den „Menschen mit großer Zukunft“ gehören? (wst)