Klick und weg
Hardware soll nicht stören - am besten ist es, wenn sie hinter ihrer Funktion verschwindet. Neue Entwicklungen aus Japan und anderswo weisen bereits in diese Richtung.
- Peter Glaser
Überall steht heutzutage Hardware herum. Sperrige Blechkisten, aus denen Lüfter lärmen, wuchtige Bildschirme, bierkistenvoluminöse Laserdrucker. Einzig Mobiltelefone sind manchmal schon so klein, dass man befürchten muss, sie in einem unvorsichtigen Moment einzuatmen.
Nun beginnen die Geräte sich endlich in Jacken, Schuhe und Schmuck zu verkriechen. Einer Untersuchung zufolge gibt es Abermillionen Mobiltelefonbesitzer, die durchschnittlich 10 bis 20 Minuten täglich telefonieren, aber Stunden damit zubringen, in Taschen, Mänteln oder Rucksäcken nach ihrem Handy zu graben oder es zu verstauen. Gegen diese Zeitvergeudung gehen vernünftigerweise Kleidungshersteller und Goldschmiede vor.
Bekleidung hat inzwischen nicht mehr nur Taschen für Handysm Blackberrys und iPods, sondern manchmal bereits integrierte, mitwaschbare Verkabelung, Mikrofon im Kragen, Kopfhörer und integriertes GSM-Handy nebst MP3-Player. Intelligente Outdoor-Anzüge können im Notfall über Satellit die Position des Trägers durchgeben, außerdem Informationen über seinen Gesundheitszustand, der von Sensoren in der Kleidung ermittelt wird.
Die Juwelierin Denise Chan hat gemeinsam mit IBM-Wissenschaftlern Ohrclips geschaffen, die auch als winzige Telefonhörer fungieren. Und es muss auch nicht mehr klingeln, wenn man ans Telefon gehen soll: Ein Anruf kann ebensogut die Form eines Rings annehmen, der, je nachdem, wer anruft, in verschiedenen Farben zu pulsieren beginnt.
Solche Preziosen gehören mit zu den vielfältigen Versuchen, Technologie so nahtlos in den Alltag zu integrieren, dass sich die gegenwärtige Maschinenraum-Anmutung verliert. Im Grunde gibt es nur noch einen Wunsch an künftige Kommunikations- und Computertechnik: die Hardware soll verschwinden und nur die Funktionen bleiben.
1892 hatte Max Pleßner behauptet, die Entwicklung einer Diktierschreibmaschine stehe demnächst bevor. Aber Stimmerkennung ist immer noch keine Lösung. Ich wünsche mir ein Stück Papier, das aussieht wie ein Stück Papier, so robust, billig und faltbar ist wie Papier und funktioniert wie ein Rechner mit Wlan. Ich möchte mit einem Stift darauf ebenso schreiben können wie, bedarfsweise, auf einer eingeblendeten Tastatur tippen.
Wie es gehen könnte, zeigen Weiterentwicklungen der Multimediakioske, zu denen Bankomaten, Fahrkartenautomaten und Informationszapfsäulen gehören. Bisher waren die Geräte klobig und martialisch – "vandalismusresistent". Das Menschenbild, das uns diese Apparaturen vermitteln: Jeder Hominide ist ein kleines, wandelndes Institut für zerstörende Werkstoffprüfung. Neue Kiosksysteme bestehen nur noch aus einem Projektor, der, was zuvor auf einem von Fettfingern verschmierten Touchscreen zu sehen war, auf eine beliebige Fläche wirft. Eine Infrarotkamera erkennt, wohin ich mit meinem Finger zeige. Es genügt ein smarter Hauch von Licht. Eine Handbewegung, und es macht Klick. Es ist so wie es sein sollte, wenn Hightech im Spiel ist. Wie Magie, bloß wirklich.
Auf der gerade stattfindenden japanischen Elektronik- und IT-Messe Ceatec ist Gestenerkennung der große Hit. Etliche Firmen zeigen Prototypen von Geräten, die sich per Fingerzeig bedienen lassen. Toshiba zeigt einen PC mit fuchtelfreundlichem Betriebssystem. Von Hitachi Metals gibt's einen Springbrunnen, der sich mit einer Art Zauberstab in Gang setzen und steuern lässt. Der Uhrenhersteller Citizen präsentiert eine Mischung aus Datenhandschuh und Fernbedienung. Und auch das neueste Navigationssystem von Pioneer reagiert auf kleine Winke. Streift man mit dem Finger durch das Hologramm einer Zapfsäule, zeigt das System alle Tankstellen in der Nachbarschaft an. Der bemerkenswerte Erfolg der Nintendo-Spielekonsole Wii mit ihrer Zeigersteuerung hat Folgen. Mr. Scott, energize! (wst)