Galaktische Primaten

Mit dem Allen Telescope Array hat sich das SETI-Projekt ein ziemlich potentes Ohr zugelegt. Ob das hilft?

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Von
  • Niels Boeing

Eigentlich sind großangelegte Lauschangriffe ein Dauerärgernis. Aber letzten Donnerstag ist einer gestartet worden, der nichts mit Wolfgang Schäuble zu tun. Die erste Ausbaustufe des Allen Telescope Array (ATA) in Kalifornien hat endlich den Betrieb aufgenommen und soll den Aliensuchern des SETI-Projekts mehr Lauschkraft als je zuvor verleihen. Benannt nach dem Hauptgeldgeber (25 Millionen Dollar) und Microsoftmitgründer Paul Allen, besteht es derzeit aus 42 Radioteleskopen mit einem Durchmesser von etwa sechs Metern, die auf Radiofrequenzen zwischen 0,5 und 11 Gigahertz den Himmel nach Signalen von vermutlich intelligenten Nachbarn in der Milchstraße absuchen.

Anders als bei bisherigen Großteleskopen kann das SETI-Projekt das ATA rund um die Uhr nutzen. Dadurch soll sich die Suchgeschwindigkeit bereits im jetzigen Stadium mindestens verhundertfachen, gibt das Projekt an. In der letzten Ausbaustufe werden die 350 Einzelteleskope zusammen genommen ein 100-Meter-Teleskop ergeben, verteilt über eine Kreisfläche von einem Kilometer Durchmesser.

Das klingt ziemlich beeindruckend. Ob sich damit unsere Chancen erhöhen, ein Lebenszeichen von ET zu finden, ist allerdings so leicht nicht zu sagen. Die Größe macht die Sache nämlich nicht automatisch einfacher.

Der frühere Elektrotechnik-Professor George Swenson, der Anfang der 1970er selbst an SETI beteiligt war, hat vor einigen Jahren im Scientific American eine interessante Rechnung aufgemacht: Je größer die Antennenfläche eines Empfängers wird, desto stärker müsse, nach den Gesetzen der Übertragungstechnik, der ankommende Strahl gebündelt sein, um registriert werden zu können. „Mit Riesenantennen sind die Anforderungen an die Signalstärke zwar gering, aber die übertragenen und empfangenen Strahlen werden so schmal, dass es für potenzielle Gesprächspartner fast unmöglich ist, einander in den unergründlichen Weiten des Alls zu finden“, schrieb Swenson.

Diesen Trade-off illustrierte er mit einem Zahlenbeispiel. Ein gerichtetes Signal mit einer Wellenlänge von 20 Zentimetern wird in 100 Lichtjahren Entfernung abgeschickt. Um es hier mit einer Teleskopschüssel von 1 Quadratmeter Antennenfläche wahrnehmen zu können, könnte sich der Sender – eine gigantische Sendeleistung vorausgesetzt – irgendwo in einem Himmelsbereich von 11 Grad Durchmesser befinden, müsste also nicht direkt „gegenüber“ sein. Bei einer Antennenfläche von 1 Quadratkilometer könnte zwar ein viel schwächeres Signal empfangen werden, dafür müsste der Sender in einem eng umgrenzten Ausschnitt von 0,011 Grad sitzen. Im Prinzip müssten sich ATA und Alien-Sender „Auge in Auge“ gegenüberstehen.

Swensons Fazit lautete: „Die Aussichten, mit Radiowellen einen interstellaren Kontakt herzustellen, sind entmutigend.“ Das ist schade. Mir hat die Vorstellung aus den Anfangstagen der Perry-Rhodan-Serie immer sehr gut gefallen, ein Kontakt könnte die Menschheit von ihrer Autoaggression heilen.

Vielleicht liegt aber das SETI-Projekt schon im Ansatz falsch. Die britischen Forscher Ian Stewart und Jack Cohen argumentieren in ihrem lesenswerten Buch „Evolving the Alien“, dass wir einen Fehler machen: Wir sagen Leben und meinen doch erdähnliches Leben. Im Grunde suchen wir dieselben galaktischen Primaten noch mal. Wir sind, in den Worten von Stewart und Cohen, eigentlich nur „wie ein britischer Tourist, der einen fremden Strand nach Fish and Chips und einem Bier durchkämmt.“ (wst)