Das Ende des papierenen Zeitalters
Papier hat als wichtigstes Ausgabemedium von Informationen und Literatur ausgedient: Displays werden Mainstream – besonders wenn erstmal modulare Handys mit optionalen Displays in Taschenbuchgröße auf den Markt kommen.
- Martin Kölling
Es hat lange genug gedauert, das papierene Zeitalter. Mehrere Tausend Jahre verbreitete und archivierte die Menschheit Informationen auf Papier. Doch nun geht seine Zeit als Ausgabegerät von Daten in vielen Regionen der Welt zu Ende. Nicht, dass das Papier gänzlich verschwinden würde, aber selbst bei Anwendungen, die viele Menschen heute noch wie selbstverständlich gedruckt genießen wie Zeitungen oder auch Bücher, wird es durch Displays ersetzt werden. Der Chef der Nachrichtenagentur Reuters, Thomas Glocer, ein bekennender Zeitungsfan, sagte jüngst in Tokio: „Für die Zukunft von Zeitungen in Papierform bin ich sehr skeptisch“.
Würde er nur wissen, was in den U- und S-Bahnen Tokios abgeht, würde er seine Meinung vielleicht noch deutlicher formulieren. Früher lasen die Japaner auf dem Weg zur Arbeit Zeitungen, Bücher, Mangas (japanische Comics) oder Studienmaterial, heute mehrheitlich Handy-Displays. Sie spielen auf den mobilen Alleskönnern nicht etwa nur Videospiele oder schauen fern oder lesen E-Mails, sondern versenken sich – wie der neueste Trend zeigt – in Handy-Novellen. Mit 2,5 Zoll Bilddiagonalen und inzwischen einer VGA- oder beim Breitbandformat einer XVGA-Auflösung der Bildschirme ist das ganze nur halb so schmerzhaft für die Augen wie es vielleicht aus deutscher Handy-Steinzeitsicht scheint. Ich habe es selbst ausprobiert.
Richtig gut wird’s, wenn die Japaner endlich auf die Idee kommen, auch buchgroße Displays an ihr weltweit führendes mobiles Netz anzuschließen. Bisher reüssiert digitale Literatur auf der Basis elektronischer Tinte vorrangig in den USA, aber nicht in der Heimat der Gagdethersteller. Sony beispielsweise brachte sein neuesten Reader mit elektronischer Tinte mit schon sehr scharfem Schriftbild in Amerika auf den Markt. Daheim setzen die Japaner hingegen auf hochwertigere, multifunktionale Displaytechniken, die auch gestochen scharfe bunte Bilder und Heimkino ermöglichen wie Displays mit Flüssigkristallen (LCD) oder organischen Leuchtdioden (Oled). Der Haken: Die Batterielaufzeit ist bei LCDs wegen der Hintergrundbeleuchtung dermaßen kurz, dass den wenigen Exemplaren noch kein Massenmarkt beschieden war.
Besonders den recht sparsamen Oleds steht der Durchbruch bevor. Sony hat auf der Ceatec den ersten kommerziellen Oled-Flachbildfernseher der Welt vorgestellt. Der Druckerhersteller Seiko Epson konterte diese Woche mit der Ausstreuung des Gerüchts, dass er die Haltbarkeit der Oleds auf mehr als 50000 Stunden verdoppelt habe und nun in das OLED-Display-Geschäft einsteigen wolle. In Autonavigationsgeräten wittert der Hersteller ein erstes Einsatzgebiet. Aber warum nicht auch in portablen Multimedia-Ausgebern?
Richtig interessant wird es, wenn man auf den Dingern gleich auch schreiben kann. Die bisherigen Touchpads kranken am etwas matschigen Kontrast, aber Sharp hat auf der Ceatec einen LCD vorgestellt, der in jeden Pixel auch einen Bildsensor eingebaut hat und so die Vorzüge eines Touchpads und eines „harten“ LCD kombiniert.
Mein Traum: ein modulares Handy. Handy-Designer arbeiten bereits an entsprechenden Ideen, hat mir ein Handydesigner versichert. Die Basisstation steckt irgendwo in der Tasche, das modisch designte Headset vielleicht an der Hemdtasche, am Jackenrevers oder an einer schicken Kette. Kommt ein Anruf rein, steckt man sich nur das Headset ins Ohr, drückt einen kleinen Knopf, und los geht's. Das Wählen funktioniert ganz einfach mit dem gleichen Knopf im Ohr über eine Sprachsteuerung (so stelle ich mir das wenigstens vor). Und in meiner Jackentasche steckt – nach Bedarf – eine Digitalkamera oder ein von mir aus Taschenbuch-großes (aufklappbares) Display, das sich vielleicht sogar beschreiben lässt.
Wenn die Reaktionszeit kurz genug ist, kann das beschreibbare elektronische Papier vielleicht sogar meinen treuen Notizblock ersetzen und damit mein „Büro“ (bestehend aus einer schwarzen Tasche mit einem 1,2 Kilogramm schweren, A4 großenNotebook, einer digitalen Spiegelreflexkamera und meinem analogen Notizblock) bis auf die Faxe der Pressestellen und Wandkalender diverser japanischer Pressestellen fast endgültig papierlos machen. Oder – halt! Der japanisch-amerikanische Hersteller von Bewegungssensoren Virtus entwickelt gerade einen elektronischen Stift, der schnurlos und ohne externe Sensoren die Handschrift aufzeichnen kann.
Sollte das Gerät funktionieren, könnte auf der einen Seite meines Buches ein Lesedisplay sein und auf der anderen (Kosten senkend) ein normaler Notizblock. Mein Gekritzel würde dann als digitale Kopie archiviert und gleichzeitig hätte ich ein reale Mitschrift. Gerade für die Mitschrift meiner wichtigsten Recherchen wäre das Klasse, denn bei allen Vorzügen kranken digitale Archive an ihrer Unzuverlässigkeit: Festplatten und andere Speichermedien gehen in der Regel weit schneller kaputt, als dass ein Haus abbrennt. (wst)