Riechtum

Wieder einmal versucht jemand, die Mauerblümchen der Technologiesierung zum Aufblühen zu bringen – aber die menschlichen Instinkte stellen sich quer

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Von
  • Peter Glaser

Das japanische Telekom-Unternehmen NTT Communications hat in Tokio den Prototypen eines Großbildschirms vorgestellt, der riecht. Ja, er riecht. Das Aroma-emittierende Kaoru Digital Signage-Display soll ab 21. Oktober vor einer Tokioter Bierhalle namens Kirin City eingesetzt werden, die Nasen von Passanten mit Düften von Orange und Zitrone zum Beidrehen zu bewegen – und zur Betrachtung der Videos mit schäumenden Biergläsern, die auf dem Display zu sehen sind (Untersuchungen haben ergeben, dass Zitrusgeruch mit Bier assoziiert wird). In einer speziellen Ausgabeeinheit an dem Display werden vermittels Ultraschall aromatische Öle verdampft. Mit dem Gerät lassen sich bis zu 500 Meter Luft beduften.

Bier mit Guerilla-Geruch zu vermarkten, ist eine grenzwertige Idee. Kritiker äußern Unbehagen der Idee gegenüber - “Die Manipulation der ursprünglichsten menschlichen Sinne fürs Marketing und den Kundendienst von Banken oder Behörden” ginge einen Schritt zu weit. Dabei wird der Markt für sogenannte Scent Technology schon seit Jahren beackert. Aber aus gutem Grund heißt es Multimedia und nicht Omnimedia. Nur die Distanzsinne Sehen, Sprechen, Rufen und Hören sind in Form verschiedenster Techniken ausgeformt. Den Intimsinnen Riechen und Schmecken in ihrer Leistungsfähigkeit kommen die derzeitigen sensorischen Techniken nur sehr andeutungsweise nahe. Für viele Säugetiere, von denen viele besser riechen können als der Mensch, ist der olfaktorische Sinn in vielen Bereichen der primäre und der mit Abstand wichtigste in der sozialen Kommunikation. In dem vielschichtigen Wahrnehmungssystem des Riechens werden nach einem noch unerforschten Prinzip Gerüche aus den tausenderlei vorkommenden Varianten zugeordnet und unterschieden, die Emotionen, Körper- und Verhaltensreaktionen hervorrufen.

Geruch und Geschmack erschließen uns das unermessliche Gebäude der Erinnerung auf unnachahmliche Weise. Durch die Intimsinne öffnet sich mit erstaunlicher Leichtigkeit eine nonmediale oder naturmediale Informationsdichte, die sich noch jeder technischen oder vernünftigen Beherrschbarkeit entzieht. Vorstöße wie Riechfilme im Kino, etwa der 1981 uraufgeführte Film “Polyester” von John Waters, oder Duft-CD-Player sind nicht viel mehr als Promotion-Gags geblieben. Firmen wie Aerome, die Duftkioske und riechende Getränkeautomaten herstellen, bedienen einen flüchtigen Markt. Die Intimsinne gehören zu den großen Herausforderungen nicht nur an die Technik im engeren Sinn, sondern auch an die Kulturtechnik. Sogar unser mächtigstes Medium, die Sprache, mit ihrem universalen und flexiblen Reservoir an Bedeutungen und Kombinationen, stößt schnell an ihre Grenzen, wenn es darum geht, Gerüche oder Geschmäcker klar und allgemeinverständlich zu beschreiben. Nicht ohne Grund nehmen Anzeigen und Spots für Parfums und After Shaves mehr und mehr den Charakter von Mysterien und aufwendigen Bildpoesien an.

Die Geschichte der Technik ist eng mit der Militärgeschichte verbunden. Darin liegt begründet, weshalb vor allem die Distanzsinne technische Entwicklung erfahren haben – das Hören, das Sehen, das Schmeißen. Aus der Distanz einen Handlungsvorsprung zu gewinnen, ohne selbst in einen Gefährungsradius zu geraten, gehört zu den Aufgaben der Kriegskunst. Wobei nicht die Artefakte der Technik, mit denen die Distanzen überwunden werden, das eigentlich Interessante sind, sondern die Distanz selbst. Die Distanz ist künstlich erschaffener Raum, geboren aus der Reichweite der verschiedenen Waffensysteme. Technische Distanzüberbrückung ist sozusagen zu luftiger Zartheit ausgeweitete Panzerung. Wenn diese Luftigkeit nun plötzlich extrem nahe heranrückt, muss man sich über allergische Abwehrreaktionen nicht wundern. (wst)