Die schöne analoge Welt des Digitalzeitalters

Bisher hat die Komplexität digitaler Konsumelektronik viele Menschen überfordert. Aber die Technik ist nun so weit, dass digitale Geräte bald so einfach zu bedienen sein werden wie analoge – dem technischen Fortschritt sei Dank.

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Von
  • Martin Kölling

Kürzlich erschreckte mich ein junger japanischer Firmenchef mit der Drohung, dass die Bedienung von digitalen Geräten bald so einfach wie die von analogen werden könnte. Die Rechenkraft der Prozessoren in fast allen Elektronikgeräten und der Stand der Technik in anderen Bauteilen erreiche inzwischen ein solches Level, dass dies die Nutzung ab spätestens 2008 enorm erleichtern werde, sagte mir Masahiro Ito, Vorstandsvorsitzender des japanischen Startups Yappa, das für das Internet und Handys entwickelt hat. Endlich kann das Digitalzeitalter wirklich beginnen.

Ein Vorbote der neuen Zeit ist Nintendos Spielekonsole Wii, die sogar die Herzen und Geldbörsen von Senioren öffnet. Mit ihr kann man Tennis oder Golf spielen, ohne hektisch und unnatürlich Knöpfchen zu drücken, sondern in dem man den Controller frei führt wie einen Tennis- oder Golfschläger. Intuitiv, einfach, analog. Notwendig dazu ist ein Zusammenspiel von Beschleunigungs- und Infrarotsensoren sowie genügend Rechenleistung. Beides ist offensichtlich heute im Masseneinsatz ohne weiteres möglich.

Apples iPhone mit dem mit mehreren Fingern bedienbaren, berührungsempfindlichen Bildschirm ist ein anderer Fall. Auch in anderen Handys bahnt sich dank erhöhter Rechenleistung eine kleine Revolution der Benutzerführung an, wie Yappa demonstriert. Für den Erstling des neuesten japanischen Mobilnetzbetreibers eMobile hat das Unternehmen mit dem französischen Designer Laurent Vincenti, der als Generaldirektor der Designagentur A&Co unter anderen das Logo des Erdölriesen Total entworfen hat, eine Software-basierte 3D-Benutzeroberfläche zur Organisation von Daten entwickelt.

Statt in Ordnern sind die die Datenmassen in Schubladen verpackt. An jeder Schublade prangt der Inhalt. In der Offline-Box werden die Dateien anhand ihrer Metadaten eingeordnet, Musik nach Interpreten oder Genre beispielsweise. Die Schublade fĂĽr Filme im Online-Schrank gleitet nach einem Fingertipp auf und zeigt diverse Video-Download-Dienste im Internet.

Der nächste Schritt, sagt Ito, sei die Einführung eines eigenen Anwendungslayers bei Computern für oft genutzte Informationsstellen im Internet wie es Widgets oder Gadgets bei Windows Vista andeuten. Der Internetbrowser wird damit rapide an Bedeutung verlieren, die Handhabung der Geräte einfacher.

Auch das digitale Biotop ist inzwischen fertiggestellt, um die Technik zu unterstützen – wenigstens in Japan. Breitbandverbindungen in dem Land sind inzwischen auch mobile fast schon die Regel. Der Boom von RFID-Chips für elektronische Bezahlsysteme wie die elektronische Bahntickets Suica und Pasmo schafft eine neue, einfache Basis für finanzielle Transaktionen. Viele Notebooks werden daher schon mit RFID-Chip-Lesern ausgeliefert.

Doch irgendwie ist Hightech, die sogar meine Mutter problemlos bedienen kann, eine Horrorvorstellung. Denn dadurch würde ja den jüngeren Generationen erstens jenes Herrschaftswissen geraubt, mit dem sie die älteren Generationen ins gesellschaftliche Abseits drängen können. Zweitens – und entscheidender – jenes befriedigende, das Ego pinselnde Gefühl, sich nach einem Hilferuf an den Rechner eines ergrauten Mitglieds der analogen Generation zu setzen oder sein Handy in die Hand zu nehmen, und nach einem kurzen "Hm, das ist aber kompliziert, aber das kriegen wir schon hin" mit wenigen Handgriffen die Kiste zum Laufen zu bringen. Es erinnert an den Beginn des Autozeitalters, als der Fahrer das Automobil auch selbst reparieren können musste. Wer wird das Lob und die Bewunderung der geretteten Adigitalen nicht vermissen? (wst)