Corys Killfile

Das Urheberrecht und die Versuche, es zu modernisieren, sind schon kompliziert genug. Manchmal verschlimmert zu viel Enthusiasmus die Lage aber noch.

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Von
  • Peter Glaser

Cory Doctorow ist jemand, den man vor ein paar Jahren als Digeratus bezeichnet hätte – ein Mitglied jener tonangebenden Schicht schöpferischer Geister, deren Absichten und Lebensstil Ausdruck der neuen Möglichkeiten digitaler Techniken sind. Bis 2006 koordinierte er die europäischen Aktivitäten der Electronic Frontier Foundation (EFF) in London. Seither tritt er von Los Angeles aus vor allem als Mitautor des Onlinemagazins “Boing Boing” in Erscheinung, für das er seit 2001 schreibt. Boing Boing gehört zum Urgestein der digitalen Kultur. Gemeinsam mit dem Magazin MONDO 2000 bereitete die 1988 von Mark Frauenfelder und Carla Sinclair gegründete Zeitschrift das Feld, auf dem später “Wired” reiche Ernte einfuhr und sich zum stilbildenden Zentralorgan der digitalen Revolution aufschwang. Seit 1995 existiert Boing Boing nur noch im Netz, seit Anfang 2000 als ”Verzeichnis wundervoller Dinge”, das sich inzwischen zu einem der weltweit meistgelesenen Blogs gemausert hat.

Eines der Hauptanliegen Cory Doctorows ist die Modernisierung des Urheberrechts. Doctorow wendet sich nicht nur gegen die weitere Einschränkung von Nutzerrechten durch Digital Rights Management, sondern er setzt auf eine Alternative: Creative Commons. Bei diesen Lizenzvereinbarungen kann ein Urheber selbst darüber bestimmen, wie freizügig seine Arbeit weiterverbreitet werden darf. Rechtswissenschaftler wie Lawrence Lessig haben sie ausgearbeitet und jeder kann sie verwenden. Statt sich wie beim klassischen Copyright alle Rechte vorzubehalten, können Autoren oder Musiker durch unterschiedliche Vereinbarungsvarianten selbst festlegen, auf welchen spezifischen Rechten sie bestehen oder ob sie ihr Werk beispielsweise als Gemeingut freigeben möchten.

Doctorow ist auch Science Fiction-Autor. Seine Bücher stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz, die eine nichtkommerzielle Weiterverbreitung erlaubt. “Boing Boing”, die prominente Plattform für seine Bemühungen um eine Liberalisierung des Copyrights, ist eines der meistgelesenen Blogs im Netz. Vor ein paar Wochen veröffentlichte Doctorow hier eine Kurzgeschichte der kalifornischen SF-Autorin Ursula Kroeber Le Guin. In einem offenen Brief auf ihrer Website wies Le Guin darauf hin, dass sie von Doctorow nicht um ihr Einverständnis zu der Veröffentlichung gefragt worden sei. Außerdem habe man ihr durch einen Hinweis auf der Seite untergeschoben, dass der Text einer Creative Commons-Lizenz unterliege. Für Doctorow war das ganze doppelt unangenehm – Le Guin ist eine der literarischen Heroinen seiner Jugend. In einer etwas gewundenen Entschuldigung beruft er sich auf die “Fair Use”-Regelung im amerikanischen Copyright, die das Zitieren aus Texten gestattet; allerdings war die komplette Geschichte “zitiert” worden.

Vollends kompliziert wurde die Angelegenheit durch ein modernes Problem, das manche für eine Lösung halten – Automatik statt Auseinandersetzung. Die Mails von Andrew Burt, der von Ursula K. Le Guin darum gebeten worden war, Doctorow anzuschreiben, landeten nicht in dessen Mailbox, sondern in einem Killfile – einem Filter, der Nachrichten unliebsamer Personen ungelesen in die Löschtonne umleitet. Die beiden waren im August aneinandergeraten, als Burt im Namen des amerikanischen Verbands der Science Fiction-Autoren eine Texttauschbörse an der Verbreitung geschützter Werke zu hindern versuchte. Dabei wurde irrtümlich auch der Zugriff auf einen Roman von Doctorow, dessen Weiterverbreitung ausdrücklich gestattet ist, kurz gesperrt. Der Fehler ist längst behoben. Die verbliebene Unversöhnlichkeit hat neue Probleme erzeugt. (wst)