Sozial ganz lokal
Findige Unternehmer wollen mit Netzwerken für die nähere Umgebung in Amerika Geld verdienen, während zwei Studenten in Deutschland eine solche Plattform nur zum Spaß aus dem Boden stampfen. Sind soziale Netzwerke der Weg zur gelebten Online-Demokratie?
- Gordon Bolduan
Wenn Frau P. ihre Wohnungstür öffnet, zögert sie und lauscht. Hört sie Schritte, gleitet die Tür wieder in das Schloss. Ansonsten schlüpft sie hinaus und rennt die Treppe im doppelten Tempo hinunter. Freundliches Grüßen und sonstige Charme-Offensiven erwidert sie nur mit einem kurzen Nicken, entflieht jedem Ansatz eines Versuches des Kennenlernen durch ihre flüchtige Art. Dabei würde so mancher ihr gerne danken, zum Beispiel für das Säubern des Treppenhauses am Wochenende. Frau P. ist der gute Geist des Mehrfamilienhauses und darüber hinaus durch ihre bewusst unauffällige Art so auffällig, dass selbst der Fotograf L.B. "Jeff" Jefferies aus Alfred Hitchkocks Klassiker "Das Fenster zum Hof" seine helle Freude an ihr gehabt hätte. Doch hätte er in diesen Tagen, wo Hannover mit all seinem Nieselregen sowieso so schrecklich depressiv diesig ist, zur Kamera mit Zoomobjektiv greifen müssen, um die vermeintlichen Geheimnisse von Frau P. zu lüften?
Das könnte sich ändern, wenn sich ein Trend aus den USA durchsetzt. Wie die New York Times berichtet, soll die Plattform LifeAt das Potenzial haben, mit lokalen sozialen Netzwerken Geld zu verdienen. Das New Yorker Start-up bietet private, Passwort geschütze Intranets für Gebäude an, zu denen nur die Bewohner des jeweiligen Gebäudes Zugang haben. Sie können dort Profile zum gegenseitigen Kennenlernen erstellen, Dienste in der Nachbarschaft bewerten oder auch nur im engeren Kreis Gebrauchs- und Gebrauchtgegenstände an- und verkaufen.
Der Slogan von LifeAt lautet dabei "Say hello to your neighbors" – natürlich nicht ohne sich verschiedenen Werbebannern aussetzen zu müssen. Dennoch hat die Idee etwas für sich: Jeder, der schon mal in einem Wohnblock gelebt hat, weiß, wie wenig man mit seinen unmittelbaren Nachbarn in den Kontakt kommt. Manchmal wäre es jedoch gerade interessant mehr zu wissen, selbst wenn es nur darum geht, dem im Treppenhaus angetroffenen Gesicht einen Namen geben zu können. Was würde sich dazu besser eignen als ein örtlich zugeschnittenes lokales Netzwerk – als eine Art kleine Bruder von StudiVZ (Deutschland), Facebook oder Myspace (beide international).
LifeAt ist nicht der erste Anbieter in den Vereinigten Staaten, der sein Glück mit dem Einengen sozialer Netzwerke versucht. Meettheneighbors.org wurde bereits im Jahr 2002 erdacht und listet momentan 2222 Gebäude und 11714 Nachbarn auf. Das zieht auch Forscher an. Der Soziologe Keith N. Hampton erforscht aktiv die Auswirkungen von sozialen Netzwerken auf das städtische Milieu. In dem dazu entwickelten Netzwerk i-neighbors.org untersucht er, wie solche virtuellen Nachbarschaften den Weg zur gelebten "e-democracy" finden können.
Auch in Deutschland existiert ein ähnliches soziales Netzwerk, das zwar nicht die Wohnbehausung als gemeinsamen Nenner nimmt, dafür aber immerhin das Aufwachsen in der gleichen Region. Wer-kennt-wen.com wurde von den Koblenzer Studenten Patrick Ohler und Fabian Jager entwickelt und soll sich in kurzer Zeit zum Geheimtip in Rheinland-Pfalz entwickelt haben. Zwar besteht hier offensichtlich die Hauptmotivation im Sehen- und Gesehen-Werden, jedoch sind die Kriterien so offen gelegt, dass dies auch klappt: So finden sich neben Kommilitonen nicht nur in die Jahre gekommene "Ehemalige", sondern auch ergraute Nicht-Akademiker. Das ist ein entscheidender Vorteil gegenüber den Nachbarschaftsnetzwerken aus den USA.
Denn, was bei allem Netzwerken immer wieder vergessen wird, ist die Voraussetzung, die Technik zu beherrschen. Genau diese ist aber in manchen Altersklassen mehr, in den älteren weniger vertreten. Daher sind virtuellen Nachbarschaften zumindest aus soziologischer Sicht noch Augenwischerei und ein mögliches Geschäft nur in den Gebäuden und Straßenzügen, wo überwiegend Menschen zwischen 20 und 40 Jahren wohnen. Die Fragen über die Flüchtigkeit von Frau P. wird das Netz also wohl doch nicht beantworten können. Vielleicht aber sehr bald schon eine andere ebenso spannende Frage: Wenn LifeAt wirklich zum Erfolg wird und nicht in der Vielzahl von Web 2.0-Start-ups in den USA untergeht, wer wird dann der erste sein, der die Idee für Deutschland kopiert? (wst)