Kampf gegen Doping der nächsten Generation

Neue Medikamente gegen Muskelschwund-Krankheiten könnten die nächsten Dopingmittel sein. Die Antidoping-Agentur WADA hat diese nun vor der Zulassung verboten.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Dieses Jahr gab es in Sachen Doping ja einiges an Aufregung – und endlich auch erste Geständnisse. Dass das alles nur die äußerste Spitze des Eisberges war, versteht sich eigentlich von selbst und soll hier nicht das Thema sein. Doch jetzt hat die Welt-Antidoping-Agentur WADA – frei nach dem Motto: "Nach dem Skandal ist vor dem Skandal" – bereits die nächsten Substanzen im Visier. Dabei beobachtet sie nicht nur bereits käuflich erwerbbare Mittel, sondern zunehmend auch die Entwicklungspipelines der Pharma-Unternehmen. Aus diesen haben sich Sportler ja schon des Öfteren bedient.

Als potenzielle Objekte der Begierde hat die WADA diesmal zwei neue Medikamentenarten ausgemacht, die in Tierversuchen beeindruckende Ergebnisse beim Muskelaufbau gezeigt haben. Eigentlich sollen sie einmal Patienten helfen, die durch Krebs oder genetisch bedingt an krankhaftem Muskelschwund leiden. Da sie aber bislang keine der von anderen Mitteln bekannten Nebenwirkungen zeigen und spezifisch nur in den Muskeln wirken, dürften sie auch für dopingwillige Sportler äußerst verlockend sein.

Die eine Gruppe hört auf den kryptischen Namen "SARM" (selektive Androgen-Rezeptor-Modulatoren) und ihre Vertreter funktionieren ähnlich wie Testosteron. Sie sind allerdings viel präziser und binden nur an die Steroid-Rezeptoren der Muskeln. Die Myostatin-Inhibitoren aus der zweiten Gruppe peppeln die Muskeln auf eine andere Weise auf: sie blockieren das Protein Myostatin, das normalerweise den Aufbau von Muskelmasse stoppt.

Um Verstöße gegen das Verbot auch ahnden zu können, arbeitet die WADA bereits an Nachweistests für die beiden Substanzgruppen. Wie weit sie damit schon ist, will sie nicht verraten. Erst wenn der erste Muskelschwund-Trittbrettfahrer gefasst ist, wolle man die Öffentlichkeit benachrichtigen. Gesprächiger sind da die Unternehmen, die selbst an den Medikamenten arbeiten: Das US-Unternehmen Acceleron hat zum Beispiel bereits einen Test entwickelt, mit dem ihr Myostation-Inhibitor im Blut nachgewiesen werden kann. Die Forscher hoffen, dass die Aufdeckung dieser Mittel bei Dopern leichter sein wird als der Nachweis von Substanzen wie Erythropoietin oder dem Wachstumshormon, das auch natürlicherweise im Körper vorkommen.

Die Entdeckung der Myostatin-Inhibitoren hat indes auch die Bioethiker der WADA auf den Plan gerufen. 2004 war der Fall eines Kleinkindes bekannt geworden, das ungewöhnlich muskulös war, weil beide Kopien seines Myostatin-Gens mutiert waren. Die Mutter, die früher eine professionelle Athletin war, trug auch eine veränderte Genkopie in ihren Zellen. Was also tun bei Sportlern, die aufgrund von natürlichen Mutationen eine ähnlich vorteilhafte Muskelausstattung haben, wie sie sonst nur durch Doping zu erwerben ist?

Die Gedankenspiele sind allerdings müßig. Angeborene Unterschiede in der biologischen Ausstattung von Sportlern haben auch bisher aus gutem Grund keine Rolle gespielt. Wer wollte definieren, was normal oder was mutiert ist? Mutationen gehören zur natürlichen Variationsbreite. Darüber hinaus braucht es neben der schieren Masse immer noch gutes Training sowie Taktik, um bei Wettkämpfen die Nase vorne zu haben. (wst)