Das Trennende im Internet
Zu Anfang war die Welt des Web noch eins. Nun zerfällt das Netz in verschiedene Reiche, je nach dem Gerät, das wir für den Zugang verwenden. Dies erfordert neue Strategien bei der Internet-Präsenz.
- Martin Kölling
Wenn vom Web die Rede ist, herrscht in vielen Köpfen noch immer die Vorstellung vom einen, einenden, demokratisierenden World Wide Web. Meine Realität in Japan zeigt jedoch, dass diese Vorstellung der Einheit schon heute ein überholter Mythos ist. Hier ist das Netz bereits in drei, von den jeweiligen Internet-Zugangsgeräten definierte Reiche zerfallen, die sich nur teilweise überlappen: das klassische Internet auf dem Computer, das "mobile" für mein Handy und dann das Wohnzimmer-Web auf dem Internet-tauglichen Flachbildfernseher. Und mehr Unterreiche werden kommen, zum Beispiel das fürs Auto.
Wie ich aus meiner Browser-Erfahrung weiß, haben die meisten Unternehmen noch keine echte Strategie, wie sie auf neuen Herausforderung wie gerätespezifisches Nutzerverhalten und Web-Design reagieren sollen. Das ist eine Schwäche, denn in vielen Ländern – gerade Entwicklungsländern – wird das Handy heute und morgen sowie der Fernseher übermorgen für viele Menschen den Hauptzugang zum Netz darstellen.
Beginnen wir also mit den Handy-Seiten: Dank der großen Bandbreiten und der Bildschirmgrößen der Computer sind die meisten real existierenden Internet-Seiten mit Informationen vollgestopft. Das macht den Besuch per Mobiltelefon zur Qual. Denn erstens sind die Ladezeiten länger als im fixen Breitband-Internet. Und zweitens ist die Darstellung unterirdisch, wenn der Browser querformatige PC-Seiten auf hochformatige Handy-Display-Breite staucht. In den meisten Fällen geht das zwar, wenn die von mir gewünschten Inhalte weit oben auf der Seite angeordnet sind. Ich kann Artikel sogar dank der VGA-Auflösung meines mobilen Bildschirms lesen, ohne Kopfschmerzen zu bekommen. Aber ein Vergnügen ist es nicht. Und die Navigation auf den meisten Seiten bleibt schlicht und einfach frustrierend bis unmöglich.
In Deutschland haben einige Seiten wie "Spiegel Online" auf den Trend reagiert und abgespeckte und entbilderte Versionen fĂĽr Handy-Besucher ins Netz gestellt, viele Unternehmen hingegen nicht. In Japan, wo das Handy in den letzten Jahren dank hoher Datentransferraten (ausreichend fĂĽr Videostreaming) und groĂźer Bildschirme bereits mit dem Computer als wichtigstem Internet-Zugang wetteifert, ist es schon etwas besser. Hier gibt es bereits viele fĂĽrs Handy optimierte Seiten. Selbst deutsche Unternehmen probieren hier Sachen aus, um die Erfahrungen irgendwann einmal in Europa zu nutzen.
Dabei geht es vor allem darum, durch maßgeschneiderte Kampagnen (oft kombiniert mit Spielchen oder Preisausschreiben) die Kundenbindung zu erhöhen. Richtig tiefgehende Informationen sucht man auf diesen Seiten in der Regel vergebens. Wenn, dann kommen die Datenmengen häufig per klassischen Newslettern oder durch Push-Dienste, die über Nacht gebuchte Videoprogramme aufs Handy schieben. Auch Novellen werden Handy-Display-gerecht verkleinert. Aber eine weitergehende Nutzung aller Inhalte des Netzes wird es mit dem Mobiltelefon wegen der Beschränkungen der Bildschirme nicht geben.
Genau in die andere Richtung müssen Web-Designer beim fernseherbasierten Internet-Zugang denken. Da man sich die Seiten nicht wie beim PC oder Notebook aus zwei, sondern eher aus sechs Fuß Entfernung anschaut, müssen die Schriften und Tafeln natürlich größer sein und das Design dank des Kinofilmformats der TV-Flundern insgesamt mehr in die Breite gehen als im mobilen und herkömmlichen Internet. Und da der zur Couch-Kartoffel mutierte "Homo Televisionensis" wohl weder Maus noch Tastatur im Wohnzimmer je als Eingabegeräte akzeptieren wird, und gleichzeitig Touchscreens wie beim Handy unpraktikabel sind, muss auch die Navigation grundlegend auf Fernbedienungsniveau umgestellt werden.
Auch das vierte gerätebasierte Web-Reich deutet sich schon an: der Internet-Zugang im Auto. In Japan bieten die Hersteller bereits eigene Portale mit Inhalten rund ums Fahrzeug, Weg- und Restaurantführern an. Mein Fazit: "Das" Internet wird zerfallen in verschiedene Kontinente, die de facto nur einen Zugang zu einem kleinen Teil des Web ermöglichen. Gleichzeitig wird es interessant zu beobachten sein, wie sich besonders auf Endverbraucher orientierte Unternehmen in diesen verschiedenen Internet-Welten sinnvoll ergänzend präsentieren. Spannende Zeiten für Web-Designer. (wst)