Der gute Androide
Wer braucht schon ein gPhone? Googles Allianz für ein offenes Mobilfunk-Betriebssystem ist zukunftsweisend und könnte Apple viel empfindlicher treffen.
- Niels Boeing
Wenn Apples iPhone am Freitag auch die hiesige Handywelt betritt, wird das mobile Internet einen kräftigen Push bekommen. Die Usability des Gerätes ist, ich kann es nicht anders sagen, großartig. Es ist für mich bislang die größte Annäherung an einen „Hitchhikers Guide to Planet Earth“. Das Ganze noch um eine ausklappbare Bluetooth-Tastatur erweitert – dann wäre Schluss mit dem Laptop-Geschleppe auf Reisen.
In einer entscheidenden Hinsicht ist das iPhone jedoch ein Produkt von gestern: Es steht (noch) für den Closed Shop des Mobilfunks. Während man Rechner seit Jahren erweitern, umstricken und vollladen kann, wie es einem am besten passt, heißt es bei Handys weitgehend: Friss oder stirb. Die Handy-Konfiguration ist unantastbar. Das ultimative Ärgernis war für mich immer die nicht veränderbare Belegung der rechten Taste bei T-Mobile-Telefonen mit dem Webzugang – zigmal habe ich aus Versehen den Browser gestartet, der vom ersten übertragenen Bit an Kosten verursacht.
In die Zukunft weist dagegen die gestern von Google angekündigte Allianz für ein Open-Source-Handy-Betriebssystem namens „Android“. Während alle auf das gPhone als Hardware-Antwort auf das iPhone gewartet haben, verspricht Google einen wirklich revolutionären Schritt: die Öffnung des Betriebssystems für Mobiltelefone.
Erfreulich ist, dass Android auf einem Linux-Kernel beruht. Damit besteht zumindest eine Chance, dass eines Tages die bislang getrennten Welten PC plus Internet und Handy plus Mobilfunknetz auch auf der Nutzerseite auf einem einzigen offenen Standard aufbauen werden.
Denn längst sind Betriebssysteme und Netzdienste mehr als Produkte – sie sind Infrastrukturen, auf denen die hochtechnisierte globale Wirtschaft aufsetzt. Und auch wenn es nicht zum Zeitgeist der grassierenden Privatisierungen passt: Diese Infrastrukturen sollten ein öffentliches Gut sein, deren Nutzung möglichst an keine Bedingungen geknüpft ist. Dazu könnte ausgerechnet die viel gescholtene Globalisierung beitragen: Es sind die neuen Schwergewichte China und Indien, aber auch Brasilien und andere aufstrebende Länder aus der zweiten Reihe, die Linux endgültig aus der Nische holen werden. Ein Linux-Derivat für Handys, die in der "Dritten Welt" eine größere Bedeutung als PCs haben, passt dazu perfekt.
Und so könnte Apple, das beim iPod-iTunes-Gespann bislang alles richtig gemacht hat (unter anderem die Öffnung für Windows), im Mobilfunk seinen großen Fehler aus den Achtzigern wiederholen: auf einer proprietären Kombination sitzen zu bleiben. Das Interface des iPhone ist schön und gut, wird aber über kurz oder lang wie die grafische Benutzeroberfläche des damaligen Mac kopiert werden.
Google hingegen könnte einen echten Coup gelandet haben. Anstatt sich auf einen herbeigeredeten Schlagabtausch mit Apple einzulassen, setzen die Kalifornier auf Dienstleistungen im künftigen mobilen Internet, dessen Infrastruktur sie mitbestimmen. Das erinnert an IBMs Strategie, mit Linux ein offenes IT-Ökosystem zu fördern, von dem man dann profitieren kann, ohne dessen Entwicklung alleine vorantreiben zu müssen.
Damit ist noch nicht die seit langem diskutierte Frage beantwortet: Ist Google vielleicht doch ein „ein bisschen böse“? Ist Android gar ein trojanisches Pferd, mit dessen Hilfe Google sich das mobile Internet einverleiben will? Ich glaube nicht. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass aus diesem Google-Kind einmal ein guter Androide wird, der uns noch viel Freude machen könnte. (wst)