Eine einzige Pille

Pharma-Industrie und Politik wiegeln ab, ein Fall wie der von Contergan könne heute so nicht mehr passieren.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

In der Sendung “Hart aber fair“ gestern Abend war am Schluß etwas Kurioses zu beobachten. Nachdem es die ganze Zeit um Vorwürfe gegen die Pharma-Industrie allgemein und ganz konkret gegen den Contergan-Hersteller Grünenthal ging, wollte Moderator Frank Plasberg der Branche etwas Gutes tun. Seine Redaktion hatte zwei Beispiele für Medikamente ausgewählt, die sich für Millionen von Menschen als Segen erwiesen hatten: Insulin und Aspirin. Man bat die Herstellerfirma Bayer um historisches Fotomaterial über das Erfolgsmedikament. Um 16:30 Uhr am Tag der Ausstrahlung zog Bayer die Freigabe allerdings plötzlich zurück. Die Nähe zum Contergan-Film – der von Grünenthal anderthalb Jahre lang vehement bekämpft worden war – und dem hoch aktuellen Ärger im eigenen Haus um das Blutstillmittel Trasylol war dem Pharma-Riesen wohl doch zu riskant. Also kaufte Plasberg kurzerhand eine Packung Aspirin und schwenkte sie mehrmals demonstrativ in die Kamera.

Mitten in der heißen Diskussion um Grünenthals Umgang mit der Kenntnis der Gefährlichkeit von Contergan muss sich nun auch Bayer (erneut) dafür rechtfertigen, ein Medikament nicht sofort vom Markt genommen zu haben, als die fatalen Nebenwirkungen fest standen. Vioxx und Lipobay lassen grüßen. Falls sich jemand gewundert hat, warum es nötig ist, 50 Jahre nach dem Contergan-Skandal die ganze Geschichte noch mal aufzurollen und in Talkshows hoch und runter zu diskutieren, er hat damit eine weitere Begründung bekommen. Offenbar sind einige Unternehmen immer noch nicht gewillt, aus der Geschichte zu lernen und das Patientenwohl über den Profit zu stellen.

Klingt naiv? Nein. Es ist nach wie vor unverständlich und nicht zu akzeptieren, wenn mit der Verantwortung für Menschenleben immer wieder derart fahrlässig umgegangen wird. Der Punkt dabei ist nicht, dass Nebenwirkungen manchmal erst nach der Markteinführung bemerkt werden. Es ist aber beschämend, dass es immer wieder erst Tragödien braucht, damit getan wird, was von Anfang an selbstverständlich und ohne Diskussion sofort hätte passieren müssen.

Deshalb war auch der hervorragende Contergan-Film nötig, dessen ersten Teil die ARD gestern zeigte (zweiter Teil heute um 20:15 Uhr). Es ist wichtig, dass das Thema in einem Spielfilm aufgearbeitet wird – das rückte das Thema noch einmal ein ganzes Stück näher an uns alle, die glücklicherweise nicht betroffen sind, als es ein Dokumentarfilm hätte tun können. Die Geschichte rührt ungeheuer an, sie schmerzt, macht wütend und läßt ansatzweise verstehen, wie sich die Eltern wie geschädigten Babys gefühlt haben müssen.

Der Fotograf und Contergan-Geschädigte Christian Knabe, gestern Gast bei Frank Plasberg, hat sogar eine zweite Contergan-Katastrophe ausgemacht: Den Umgang mit den geschädigten Kindern und ihren Eltern. Nach dem Prozessende von 1970, in dem Grünenthal eine geringe Schuld attestiert wurde, zahlt das Unternehmen 100 Millionen Mark in einen Stiftungsfonds ein, aus dem die betroffenen Kinder eine monatliche Rente erhalten sollen. Der Bund legt noch einmal so viel drauf. In ihrer Broschüre zum 60-jährigen Firmenjubiläum schreibt Grünenthal, zwischen 1972 und 2005 seien 400 Millionen Euro ausgezahlt worden. Was das Unternehmen freilich verschweigt, ist dass das ursprüngliche Geld bereits 1997 alle war und seither nur noch der Bund diese Renten aufbringt. Auf die Frage der Hart-aber-Fair-Redaktion, ob das Unternehmen nicht noch einmal in die Stiftung einzahlen wollen, erwiderte Grünenthal, das „derzeit“ solche Überlegungen nicht stattfänden, vor allem wegen der derzeit so emotionalen Diskussionen um den Film Contergan. In Großbritannien zahlt das Nachfolge(!)-Unternehmen des damaligen Vertreibers von Contergan heute noch mehr als 2000 Euro Rente an die geschädigten Menschen und zahlt dafür jährlich 9,3 Millionen Euro in eine Stiftung ein.

Contergan und Trasylol haben auch die Diskussion um die Zulassungsmodalitäten für Medikamente neu angefacht. Pharma-Industrie und Politik wiegeln ab, ein Fall wie der von Contergan könne heute so nicht mehr passieren. Sicher sind die erforderlichen Test und Vorschriften zahlreicher, genauer und strenger geworden. Aber klinische Studien werden nach wie vor unter der Aufsicht der Pharmafirmen selbst in dafür zertifizierten Kliniken durchgeführt. Peter Sawicki, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) forderte deshalb gestern, dass es endlich eine unabhängige Behörde geben muss, die die Tests überwacht. Es sei doch verwunderlich, dass unabhängige Studien zum gleichen Medikament wiederholt mehr Nebenwirkungen festgestellt hätten als die Unternehmen selbst.

Stattdessen wurden die Pharma-Unternehmen beinahe noch stärker in den Zulassungsprozess eingebunden: Aus der unhängigen deutschen Zulassungsbehörde, dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte(BfArM) sollte zum 1. Januar 2008 die Deutsche Arzneimittel- und Medizinprodukteagentur (DAMA) werden, die auch aus Gebühren der Pharmaindustrie finanziert werden sollte. Der entsprechende Gesetzentwurf kippte am 25. Oktober. (wst)