Zwischen dunkler Macht und digitalem Kater

Ein 13-jähriges Mädchen begeht Selbstmord, weil sie einem falschen MySpace-Profil aufgesessen ist, zwei Kölner Schüler planen im Chat einen Amoklauf, und das BKA erklärt das gesamte Internet zum Tatort. Überwiegt das Böse im World Wide Web?

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Von
  • Gordon Bolduan

"Tatort Internet – eine globale Herausforderung für die innere Sicherheit", so lautete der Titel der diesjährigen Herbsttagung des Bundeskriminalamtes (BKA), die vergangene Woche in Wiesbaden stattfand. Hauptargument waren Terroristen, bei denen man sich sicher sei, dass sie "virtuell kommuniziert" hätten, so BKA-Präsident Jörg Ziercke. Das hatten aber auch die beiden Schüler Rolf B. und Robin B. aus Köln, wie Anfang vergangener Woche bekannt wurde. Chat-Protokolle belegen, dass sie einen Amoklauf am Georg-Büchner-Gymnasium geplant und glücklicherweise verworfen hatten.

Am gleichen Wochenende, an dem die Menschen vom angeblich vereitelten Amoklauf und dem Selbstmord von Rolf B. erfuhren, wurde in Deutschland ein weiterer Fall bekannt, der die Gefahr unterstreicht, die vom World Wide Web (WWW) ausgehen kann.

Zugetragen hatte er sich schon von einem Jahr. Der Journalist Steve Pokin hatte sich Zeit gelassen, um die Geschichte vom Selbstmord der 13 Jahre alten Megan Meier aus dem Ort Dardenne Prairie im amerikanischen Bundesstaat Missouri so genau wie nur möglich zu erzählen. Unter der Überschrift "Tod eines Teenagers" machte ein namhafter Online-Journalist die Geschichte in Deutschland publik. Megan hatte sich verliebt in einen Jungen, von dem sie nur dessen Profil im sozialen Netzwerk Myspace kannte. Das war jedoch eine Fälschung, erfunden von einer ehemaligen Freundin, die sich an Megan rächen wollte. Nachdem sie Megan mit Hilfe der falschen Identität im Netz verleumdet hatte, nahm sich Megan das Leben.

In ihrer Summe lassen solche Ereignisse das WWW, erfunden von Tim Berners-Lee, wiederbelebt durch die Web-2.0-Bewegung, als einen Ort für Niederträchtiges erscheinen.

Zu diesem Schluss mag besonders der kommen, der das Buch "The Cult of the Amateur" von Andrew Keen liest. Es ist das erste Werk von Keen, der sich als Unternehmer für Digitale Medien bezeichnet und als solcher während der ersten Internet-Blase versucht hat. Jetzt übt er sich in Kassandra-Rufen zu den wirtschaftlichen, sozialen und ethischen Gefahren durch das Web 2.0 und dessen Anhänger, die im Internet dezentral und in Kooperation so genannte "benutzergetriebene Inhalte" schaffen. Keen nennt sie den "Kult der Amateure", will Polemik bieten, liefert aber eine Hetzschrift. Dabei stellt er nicht nur die Menschen und Plattformen an den Pranger, die das Web 2.0 fassbar machten, sondern schlägt auf alles ein, was sich irgendwie mit dem Begriff Internet verbinden lässt. So ist nach Keen das Web 2.0 ebenso für Sex- und Spielsucht wie für Kriminalität im Internet verantwortlich.

Vornehmlich sind es jedoch Blogs und ihre Betreiber, die Online-Enzyklopädie Wikipedia, in der nach Aussage des Autors "jeder mit opponierbarem Daumen und Fünfte-Klasse-Abschluss" veröffentlichen darf, sowie die Inhalte von sozialen Netzwerken, bei denen es Keen nicht wundert, "dass solche immer geschmackloser werdende Eigen-Bewerbung Triebtäter und Pädophile anzieht."

Ebenso harsch urteilt er über die kollektive Intelligenz von Internetseiten wie Digg und Reddit, die Benutzern Verweise auf Nachrichten und Blog-Einträge ermöglichen, und immer wieder über das Videoportal Youtube.

Für Keen sind die eigentlichen Opfer dagegen kulturelle Standards, ethische Werte und die traditionellen Medien-Institutionen, wie beispielsweise Zeitungen und Musiklabels. "Das Web 2.0 ist ein Menetekel für den Zusammenbruch unserer Kultur, da es die Abgrenzungen zwischen traditionellem Publikum und Autoren, Herstellern und Konsumenten, Experten und Amateuren verwischt", lautet daher seine etwas gewagte These. Die angeblichen Beweise dazu liefert er in sechs von insgesamt acht Kapiteln. Den Anfang macht dabei das vom "Noblen Amateur", in dem Keen sich der "Diktatur von Idioten" widmet und als deren Beispiele er so genannte Bürger-Journalisten und Youtube-Hobbyfilmer aufführt, die professionellen Kreativen die Jobs wegnähmen. Bei Blogs sieht er nun den häufigen Missbrauch für politische Propaganda und virales Marketing.

Keen hat seine Hausaufgaben insoweit gemacht, dass er jede Anschuldigung durch einen entsprechenden Fall belegen kann – recherchiert in amerikanischen Qualitätszeitungen wie der New York Times. Doch bei allem Faktenglauben fällt schnell auf, dass sich die Argumente wiederholen: Keen verliert bei aller Beißwut den Überblick. So mokiert er sich bei Blogs über die Pseudoanonymität der Autoren, ohne zu erkennen, dass gerade diese ein wirksamer Schutz gegen Identitätsdiebstähle wäre, die er vier Kapitel weiter geißelt.

Doch Keen belässt es nicht beim Draufschlagen. Er bietet im letzten Kapitel auch Lösungen an, die nicht überzeugen. Er möchte dem Anwender die Wahl lassen zwischen demokratisch-chaotischen Internetangeboten und denen, die Produzierende und Konsumierende strikt trennen. Zudem fordert er starke Gesetze, um die Inhalte und den Gebrauch des Internets zu maßregeln.

Es ist schade, dass sich Keen so sehr in Rage schreibt. Denn das Phänomen Web 2.0 hat durchaus eine kritische Hinterfragung nötig. Immerhin hat die europäische Agentur für Netz- und Informationssicherheit gerade ihr erstes Positionspapier zu Sozialen Netzwerken herausgegeben. Allerdings ist auch dessen Titel "Social networking – how to avoid a digital hangover" nach den Ereignissen in jüngster Vergangenheit eher unpassend. Diese als "digitalen Kater" zu bezeichnen ist wohl untertrieben, denn sie sorgen für weit mehr als nur Kopfschmerzen. (wst)