Kolumne: "Cherry-Picking" - was wird aus der Tastatur-Division?

Klar, mehr als die Hälfte der Fusionen und Übernahmen scheitern. Aber nirgends steht geschrieben, dass die Übernahme von Cherry durch ZF Friedrichshafen zu der schlechten Hälfte gehört.

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Von
  • Damian Sicking

Liebe Cherry-Mitarbeiter im Unternehmensbereich "Computer-Eingabegeräte",

in der vergangenen Woche wurden Sie und die komplette Firma Cherry von der ZF Friedrichshafen AG (über 57.000 Beschäftigte, mehr als 12,6 Milliarden Euro Umsatz) übernommen. Das muss für Sie nichts Schlimmes bedeuten. Aber wenn Sie eine reiche Erbtante haben, wäre jetzt der richtige Augenblick, besonders nett zu ihr zu sein.

Sehen wir der Wahrheit ins Auge: Sie, Ihre Tatstaturen und PC-Mäuse sind nicht der Grund, weshalb ZF Cherry gekauft hat. Was Cherry für ZF interessant macht, sind die Geschäftsbereiche "Automotive" sowie "Schalter & Steuerungen". Ihre Abteilung "Computer-Eingabegeräte" ist es nicht, diese gehörte einfach zum Paket dazu. Aber trotzdem sollten Sie nicht deprimiert sein und sich minderwertig fühlen. Machen Sie sich klar, dass ZF ja auch zur Bedingung hätte machen können, dass Cherry vor der Akquisition den Bereich Tastaturen aus dem Ganzen herauslöst. Das haben die Leute vom Bodensee aber nicht gemacht, und wir wollen einfach mal glauben, der Grund dafür bestehe nicht darin, dass sonst zu viel Zeit verloren gegangen wäre. Vielleicht findet das ZF-Management das Geschäft mit Tastaturen gar nicht so übel, schließlich benötigt man Eingabegeräte ja auch in der maschinellen Produktion, zur Steuerung von Anlagen etc. und nicht nur für den PC im heimischen Arbeits-, Schlaf- und Kinderzimmer.

Sicher stellen Sie sich jetzt die Frage: "Was wird aus uns? Gehören wir in dem großen ZF-Konzern noch zum Kerngeschäft?" Gerade vergangene Woche konnte man ja wieder von Unternehmen lesen, die Teile oder Tochterfirmen verkauften, weil sie nicht mehr zum Kerngeschäft gehören. Die Firma Siemens zum Beispiel, die sowohl das Telefonanlagengeschäft als auch das Telefonendgerätegeschäft abstieß, oder BMW, die ihre IT-Tochter Cirquent (ehemals Softlab) an die japanische NTT Data verscherbelte. In beiden Fällen lautete die Begründung, man wolle sich auf das Kerngeschäft konzentrieren.

Die Frage ist aber auch: Was können Sie ganz persönlich tun, damit die Übernahme gelingt und vor allem Ihren Job zu sichern? Ich habe mal beim Großmeister des Managements, also dem ehemaligen Chef von General Electric (GE), Jack Welsh, nachgeschlagen, um zu erfahren, was er dazu sagt. In seinem Buch "Winning" widmet er ein ganzes Kapitel dem Thema "Fusionen und Übernahmen" und beschreibt dort sieben häufige Faktoren, die zu einem Scheitern von Firmenzusammenschlüssen führen. Nur einer davon betrifft das übernommene Unternehmen, in diesem Fall also Sie, liebe Cherry-Mitarbeiter. Dieser Faktor läßt sich am besten mit "Widerstand" oder "mangelnder Kooperationsbereitschaft" beschreiben.

Nicht selten bringen Angestellte des gekauften Unternehmens dem neuen Hausherren Misstrauen und Antipathie entgegen. Doch damit schaden sie sich nur selbst, meint Welsh. "Für den Käufer gibt es nichts Schlimmeres, als einen Batzen Geld für eine Firma auszugeben, in der ihm nur Missbilligung, Misstrauen und Bitterkeit entgegenschlagen, sobald er die Tür öffnet", schreibt er. Und er fährt fort: "Etwas Widerstand gegen Veränderungen ist absolut normal. Doch jeder, der seinen Job behalten (...) und der Spaß an der Arbeit haben will, sollte sich nicht wie ein Opfer verhalten. Springen Sie über Ihren Schatten und überlegen Sie, welchen Beitrag Sie aktiv zum Gelingen der Fusion leisten können. Zeigen Sie, was in Ihnen steckt, und blicken Sie optimistisch in die Zukunft. (...) Wer sich aus Angst, Unsicherheit oder Wut gegen eine Fusion sträubt, macht sich nicht nur das Leben schwer, sondern schießt sich normalerweise sogar selbst ab." Klingt plausibel, wenn Sie mich fragen.

Und weil´s so schön ist, noch ein Zitat von Welsh: "Die neuen Eigentümer werden sich immer mit den kooperativen Mitarbeitern und Managern umgeben, selbst wenn ein skeptischer Kandidat besser qualifiziert wäre. Daher ist jedem, der in einem übernommenen Unternehmen überleben möchte, zu empfehlen, Angst und Misstrauen zu überwinden und die gleiche Freude über den Deal an den Tag zu legen, wie das die Chefs tun." Man beachte: Welsh sagt nicht, man müsse diese Freude über die Übernahme wirklich "empfinden", sondern man müsse sie nur "an den Tag legen"; also selbst wenn Sie nicht begeistert sind, tun Sie so als ob, spielen Sie Theater, dann klappt´s auch mit dem Neuen.

Natürlich wissen auch Sie, dass mehr als die Hälfte der Übernahmen oder Fusionen scheitern. Nirgends aber steht geschrieben, dass die Übernahme von Cherry durch ZF zu dieser zweiten Hälfte gehört.

Mit den besten GrĂĽĂźen und toi, toi, toi!

Damian Sicking

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