Kolumne: Rehabilitierung der Hardware

Dienstleistungen stehen hoch Kurs, die Hardware hat ein Imageproblem. Heise-resale-Kolumnist Damian Sicking wĂĽrde sein Geld trotzdem lieber in einen Hardwarehersteller investieren. Die Frage ist nur: in welchen?

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Von
  • Damian Sicking

Lieber Venture-Capital-Unternehmer Dr. Gottfried Neuhaus,

kürzlich stellte mir auf einer Party ein Industriemanager folgende Frage: "Wenn ich Ihnen 100.000 Euro schenke unter der Bedingung, dass Sie dieses Geld entweder in einen IT-Hardwareanbieter oder einen Serviceanbieter investieren, aber entweder-oder, Sie dürfen das Geld nicht aufteilen, was würden Sie tun?" Ich war zunächst ein wenig verdattert über die Schlichtheit der Frage und stotterte dann irgendetwas wie "Kommt ganz drauf an". Ja, kommt ganz drauf an. Aber auf was?

Für meinen Gesprächspartner auf dem Fest war der Fall klar: Mit Hardware läßt sich kein Geld verdienen und mit Hardwareherstellern als Anlageobjekte schon gleich gar nicht. Die Musik spielt im Servicebereich. Diese Meinung ist ja gegenwärtig schwer modern und man hat eden Eindruck, dass es zumindest im IT-Markt keinen Hardwarehersteller gibt, der nicht zum Serviceanbieter mutieren will. Kaum noch einer bekennt sich offen dazu, ein Gerätebauer sein zu wollen und nichts anderes. Druckerhersteller zum Beispiel gibt es ja schon gar nicht mehr, sondern nur noch "Anbieter von Drucklösungen".

Zurück zur Frage: Hardwarehersteller oder Dienstleister? Natürlich war mein erster Reflex auch, mich für den Dienstleister zu entscheiden, aber dann fiel mir ein, dass 100.000 Euro doch ganz schön viel Geld ist und es daher nicht schaden könnte, erst ein bisschen nachzudenken, bevor man die ganze Kohle "in einen Korb legt", um den Sprachjargon der Geldanleger und Investoren zu strapazieren. Also zunächst einmal müssen wir uns über eins im Klaren sein: Wir reden hier nicht von der Alternative zwischen einem margenschwachen, kränkelnden Hardwareproduzenten und einem renditestarken, kerngesunden Serviceanbieter. Wir reden von zwei Spitzenfirmen, die ihr Geschäft verstehen und die in ihrem jeweiligen Wettbewerbsumfeld eine vergleichbare Stellung haben.

Erinnern Sie sich noch: Anfang dieses Jahrhunderts ("New Economy") war die gängige Meinung, wir stünden mitten im Umbau von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Ich habe das schon damals nicht verstanden, vor allem wenn dies so wäre, was daran für eine Exportnation wie Deutschland so toll sein sollte. Besteht nicht ein wesentliches Fundament unseres Wohlstands darin, dass wir Produkte (Autos, Maschinen, chemische Erzeugnisse etc.) herstellen und global vermarkten? Welche Dienstleistungen können wir denn statt dessen exportieren? Jemand hat damals völlig richtig gesagt: "Wir können nicht davon leben, dass wir uns gegenseitig die Haare schneiden." Dieses ganze Gerede von der Dienstleistungsgeselschaft war schon damals ein ganz großer Kokolores.

Nein, vom gegenseitigen Haare-Schneiden werden wir nicht reich. Aber wenn wir eine Schere oder eine Bürste erfinden und auf den Markt bringen könnten, die völlig neue Frisuren ermöglichen würde, dann können wir diese Schere oder Bürste weltweit, also so richtig global, an alle Friseure und Friseurinnen verkaufen, die das gute Stück bezahlen können. So wird man reich. Kurzum: Ich würde die 100.000 in eine Company investieren, die das Zeug hat, so was wie den iPod zu entwickeln und weltweit zu vermarkten. Oder in einen Mähdrescher-Hersteller.

Wenn ich´s mir genau überlege, würde ich auch lieber in eine Hardware- als in eine Software-Butze investieren. Gut, mag sein, dass man mit Software mehr Geld verdienen kann (Microsoft). Aber trotzdem. Ich habe einfach Schwierigkeiten mit Phänomenen, die man nicht sehen und anfassen kann. Deshalb bin ich ja auch aus der Kirche ausgetreten.

Lieber Herr Dr. Neuhaus, Sie sind ein gestandener Profi in der IT- und TK-Szene. Sie gründeten 1979 die Dr. Neuhaus Computer KGaA, welches Sie Mitte der 90er Jahre an Sagem verkauften. Die von Ihnen 1997 gegründete VC-Company Neuhaus Partners in Hamburg hat sich auf die Beteiligung an IT- und Technologieunternehmen spezialisiert. Aus diesem Grunde würde mich Ihre Meinung besonders interessieren: Welche Antwort hätten Sie meinem Gesprächspartner auf der Party gegeben?

Beste GrĂĽĂźe

Damian Sicking

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