Kolumne: "Bitte ein Jever." "Ein Pils?" "Nein, ein Notebook."
Der kleine norddeutsche PC-Anbieter Source IT Distribution bietet zwei neue Rechner im Look der Brauerei "Jever". Gute Idee, aus der man mehr machen kann, findet heise-resale-Kolumnist Damian Sicking.
Lieber Jörg Fessel, Geschäftsführer der Source IT Distribution,
als kleiner PC-Anbieter und -Assemblierer muss man sich etwas einfallen lassen, um gegen die Big Brands zu bestehen. Man kann es nicht oft genug sagen: Gerade fĂĽr PC-Hersteller gilt der Satz "Get big, get niche or get out." Etwas anderes gibt es nicht. Um richtig groĂź zu werden, fehlen Ihrem Unternehmen ein paar infrastrukturelle und finanzielle Voraussetzungen. "Get out" ist fĂĽr Sie auch keine Option, wie Sie im Jahr 2001 gezeigt haben, als Ihr damaliges Unternehmen Source Distribution Insolvenz anmelden musste und Sie mit dem jetzigen Betrieb einen Neuanfang wagten. Also "get niche". Und das bedeutet in Ihrem Fall ganz aktuell: Sie gehen mit einer "Jever"-Edition an den Markt. Ein Notebook und ein Tower im Design der friesisch-herben Gerstenkaltschale aus Ihrer norddeutschen Heimatstadt.
Eine klasse Idee! Ich bin ja sooo gespannt, wie die Geräte vom Markt angenommen werden. In der Vergangenheit gab es ja immer mal wieder ähnliche Versuche, meistens mit Fußballvereinen ("Schalke-PC"), aber aus irgendwelchen Gründen floppten die immer. Aktuell geht ja das Ferrari-Notebook von Acer ein bisschen in Ihre Richtung. Das ist auch ein "Will ich haben"-Gerät, für hohe Stückzahlen ist es aber zu teuer. Da liegen Ihre guten Stücke mit 599 (Notebook) und 799 Euro (Tower) auf einem anderen Niveau. Und dass die Source IT Distribution als ein Unternehmen mit Sitz in Jever für das gleichnamige Bier Reklame macht, liegt auf der Hand. Zumal die Brauerei wohl auch ein paar Euro beigesteuert haben dürfte. Sicher nimmt sie Ihnen auch ein Kontingent für ihre rund 270 Mitarbeiter und ihre Geschäftsfreunde ab. Aber wer kauft das Teil sonst noch? Wer kauft einen Rechner, der aussieht wie eine Bierkiste? Wer nimmt ein Notebook mit auf Reisen, auf dem seine Lieblingsfreizeitbeschäftigung aufgemalt ist? Gut, vielleicht in den Biergarten, das kann sein. Aber ansonsten zielt ein Jever-PC doch eher auf Leute, die sich komische große Aufkleber in die Rückfenster ihrer getunten 3er-BMWs kleben ("böhse onkelz", "Kenwood" etc.).
Kurzum: Ich vermute, unter den Käufern eines Jever-PC sind die Ärzte, Richter, Dax-Vorstände und Oberstudienräte in der Minderzahl. Aber auch diese wollen gerne einen individuellen Rechner. Daher meine ich, dass der Jever-PC nur ein Anfang sein kann. Denn was ist mit den potenziellen Kunden, die gerne die "Danziger Trilogie" von Günter Grass als Notebook-Edition hätten? Oder Mickey Maus? Oder eine fette Ritter-Sport-Schokolade mit ganzen Haselnüssen? Oder das Familienwappen?
Der PC muss noch viel persönlicher und individueller werden. HP spricht zwar immer davon, dass sie den PC wieder persönlich gemacht haben, aber glauben Sie mir, ich sitze gerade vor so einem Teil, und das ist so was von unpersönlich. Daher, lieber Herr Fessel, machen Sie weiter so. Gerade die kleinen und flexiblen Unternehmen haben hier gute Karten.
Beste GrĂĽĂźe
Und hier die Antwort von Jörg Fessel.
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