Kolumne: Sollen Manager Marathon laufen?
Jetzt laufen sie wieder. Herbstzeit ist Marathonzeit. Und viele Manager und solche, die es werden wollen, laufen mit. Es gibt manche, die meinen, das sei gut für die Karriere. Ein kolossaler Irrtum, wie Heise-resale-Kolumnist Damian Sicking weiß.
Liebe Ausdauersportler und Karrieristen,
Herbstzeit ist Marathonzeit. Die großen Marathonveranstaltungen in Berlin und Köln sind bereits gelaufen, am kommenden Sonntag läuft München, und am 2. November folgt das "Hochamt" des Langstreckenlaufs, der New-York-Marathon. Auch viele Manager und solche, die es werden wollen, schnüren sich die Laufschuhe, um die 42,195 Kilometer unter die Füße und am Ende das Finishershirt oder die Medaille in Empfang zu nehmen. Die Frage, die bislang aber viel zu wenig gestellt wurde, ist: Wie wirkt sich Marathonlaufen, wie wirkt sich überhaupt Ausdauersport auf die Karriere aus?
Klar, Laufen ist gesund. Laufen (und andere Ausdauersportarten) senkt den Blutdruck und den Cholesterinspiegel, Laufen senkt das Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen, Laufen senkt das Gewicht und bei vielen sorgt Laufen auch für gute Laune. Insoweit ist alles prima. Leider – und das betrifft in erster Linie die Männer – senkt Ausdauersport auch den Testosteronspiegel im Blut. Laufen macht friedlich, darin ähnlich dem Marihuana-Joint. Was an sich ja nicht schlecht ist, aber für jemanden, der auf der Karrierelaufbahn nach oben will, nicht optimal. Es ist also nicht nur so, dass einem die Energie, die stundenlanges Laufen durch die Prärie kostet, dann im beruflichen Wettkampf fehlt, sondern verantwortlich ist ganz wesentlich der gesunkene Testosteronspiegel. Übrigens: Der Testosteronspiegel wirkt sich auch auf das sexuelle Verlangen aus, wobei gilt: niedriger Testosteronspiegel = geringes sexuelles Verlangen (Libido), hoher Testosteronspiegel = großes sexuelles Verlangen. Ein niedriger Testosteronspiegel kann somit in beziehungstechnischer Hinsicht entweder positiv oder negativ sein, je nach Qualität der Beziehung.
An dieser Stelle ist es sicher überflüssig, ausführlich auf die – man kann fast sagen – Kausalbeziehung zwischen Testosteron, Karriere und insgesamt beruflichem Erfolg einzugehen. Erinnert sei an dieser Stelle lediglich an die wissenschaftliche Beobachtung, welche in diesem Jahr an Investmentbankern gemacht wurden. Hier hatte die Wissenschaft festgestellt, dass je höher der Testosteronspiegel der Banker war, desto aggressiver gingen sie in ihren Jobs zu Werke und desto größer waren die Gewinne, die sie am Ende des Tages erzielt hatten. Die Süddeutsche Zeitung hat sich davon sogar zu der nicht ganz ernst gemeinten Schlagzeile "Wall Street, bitte dopen!" inspirieren lassen. Okay, nach der Bankenpleite würden wir heute lieber nur noch kastrierte Banker haben, aber das ist ein anderes Thema. Bekanntlich läßt sich Testosteron auch von außen zuführen (zum Beispiel als Pflaster), es gibt Ärzte, die so etwas verschreiben und Sportler, die es verbotenerweise nehmen (Doping!).
Wie stark die Auswirkungen des männlichen Sexualhormons auf den Organismus sind, dafür gibt es in jüngster Zeit zwei interessante Zeitzeugen: Der eine heißt Balian Buschbaum und der andere heißt Craig Davidson. Balian Buschmann hieß bis vor einem Jahr Yvonne Buschbaum und war eine der besten Stabhochspringerinnen Deutschlands. Im Zuge ihrer Transformation von einer Frau zum Mann erhielt Buschbaum erhebliche Testosterongaben verabreicht. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 21. September dieses Jahres (Headline: "Ich kam mir vor wie ein Pitbull") schildert sie anschaulich, welche physischen und psychischen Veränderungen diese Testosterongaben bei ihr bewirkten. Ebenso spannend zu lesen sind die Aufzeichnungen des Selbstexperiments des Kanadiers Craig Davidson. Er spritzte sich über 16 Wochen Steroide und vor allem Testosteron, was er sich übers Internet beschafft hatte. In der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte er den Erlebnisbericht über die dramatischen Veränderungen sowohl in körperlicher als auch in geistiger Hinsicht. Sehr bemerkenswert, allerdings zur Nachahmung nicht wirklich zu empfehlen.
Zurück zum Thema: Vor dem Lichte der Erkenntnisse, dass Ausdauersport den Testosteronspiegel senkt und ein niedriger Testosteronspiegel sich ungünstig auf den Willen und die Fähigkeit zum beruflichen Aufstieg auswirkt, sollten (junge) Menschen, die auf der Karriereleiter ganz nach oben wollen, auf extensiven Ausdauersport verzichten. Es gibt allerdings eine wichtige Ausnahme: Wenn der Chef selbst Marathon läuft. Und wenn ich an dieser Stelle von "Chef" rede, dann meine ich nicht den Abteilungsleiter, sondern den "ganz oben". Junge Leute, die sich hier geschickt verhalten und vielleicht sogar gemeinsam mit dem Boss in Training oder Wettkampf schnaufen, dürfen sich Hoffnungen auf wohlwollende Berücksichtigung bei der nächsten Vergabe eines Pöstchens machen.
Übrigens, liebe Männer: Der Testosteronspiegel läßt sich auch auf natürliche Weise steigern (also nicht nur durch Doping wie Pflaster). Das "Gesundheitsmagazin" Men´s Health hat dazu vor einiger Zeit einen umfangreichen Beitrag veröffentlich ("So steigern Sie Ihren Testosteron-Spiegel!"). Einer der Tipps: "Trainieren Sie lieber kurz, aber dafür heftig." Die zeitliche Obergrenze beim Laufen wird hier mit 90 Minuten angegeben, Krafttraining wirkt sich ebenfalls steigernd auf den Testosteronspiegel aus. Und: Achten Sie auf Ihr Gewicht, denn "Je dicker der Bauch, desto niedriger ist der Testosteronspiegel", schreibt Men´s Health. Zu weiteren Wirkungen und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.
Beste Grüße
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