Christian Grötsch: Wir sind die Igel im E-Commerce

Live-Shopping ist eine geignete Methode, um Restbestände und Überproduktionen ohne Schädigung der Marke oder des Preises abzuverkaufen.

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Von
  • Christian Grötsch

Lieber Damian Sicking,

wie Sie in Ihrer Kolumne vom 12. November richtig vermuteten, sprechen wir beim Live-Shopping in der Tat sicher oftmals Spontankäufer an und geben unseren Kunden sogar häufig neue Ideen und Anregungen, was man kaufen könnte. Insofern funktioniert unsere Plattform "Preisbock" hier auch als eine Art Ideengeber für Geschenke oder Produkte für den Eigenbedarf. Überlegten Käufern wie Ihnen wollen wir den Kauf dadurch erleichtern, dass wir in der Regel umfangreiche Testberichte verlinken und nachweislich immer das günstigste Angebot im Netz am jeweiligen Tag bieten.

Und ja: Ich denke, Tchibo war tatsächlich der erste Liveshopper in Deutschland. Allerdings fokussieren wir uns auf ein Angebot pro Tag und legen einen wesentlichen Schwerpunkt auf witzige Produktbeschreibungen und unsere Community. Im Unterschied zu Tchibo ändert sich bei Liveshoppingportalen allerdings fast minütlich etwas auf der Webseite. Wir möchten, dass unsere Besucher immer eine gute und abwechslungsreiche Zeit auf Preisbock haben, auch wenn das Tagesangebot mal nicht interessant für sie ist.

Unsere Wettbewerber und auch die Scouts finden wir gut und sind dankbar, dass es sie gibt. Schließlich helfen alle gemeinsam dabei, diese doch noch recht unbekannte Form des Online-Einkaufens in Deutschland populär zu machen.

In unserer Agentur dotSource beschäftigen wir uns in der Tat damit, wie man Nutzer besser in die Wertschöpfungsprozesse von E-Commerce-Unternehmen einbinden kann. Bei Preisbock beispielsweise geschieht das bei weitem nicht nur dadurch, dass alle das Produkt einfach nur "loben". Wir bekommen Empfehlungen für neue Produkte, Schelte und Ergänzungsvorschläge wenn die Produktbeschreibung nicht umfangreich genug ist. Ein weiteres Beispiel sind die Kaufbewertungen, die uns helfen, unsere Logistikprozesse zu optimieren oder auch positives Empfehlungsmarketing.

Die Erfahrung, die wir damit sammeln, geben wir als Agentur an andere Kunden weiter. Mit über 10 Jahren E-Commerce-Erfahrung und unserer nun neuen eigenen Erfahrung aus dem praktischen Versandhandel verstehen wir die Herausforderungen unserer Kunden besser als je zuvor. Die beschäftigen sich zunehmend mit Fragen, die beispielsweise lauten: Wie kann ich von Web 2.0 Trends und Communitys profitieren? Sollte ich eine eigene Community aufbauen und wenn ja, wie? Was kostet das und was bringt es mir?

In der Tat ist Social Commerce ein großer neuer Trend im E-Commerce und führt hoffentlich irgendwann dazu, dass ich als Kunde nicht mehr allein auf einem großen Marktplatz an einem Stand ohne Verkäufer einkaufe, sondern auf einem für mich sichtbar belebten Marktplatz, wo ich den Verkäufer unmittelbar kontaktieren kann oder anderen Kunden dabei zuhören kann, wie sie sich über das Angebot unterhalten (beispielsweise via Kommentare/Forum/Livechat/Livefeeds/Empfehlungen/Kaufbewertungen etc.). In Zukunft wird Onlineshoppen tatsächlich ein Shoppinggefühl vermitteln und nicht wie heute in Wirklichkeit nur E-Procurement sein. Social Commerce ist viel viel mehr als nur Kommentare und Bewertungen.

Mit dotSource versuchen wir, unseren Kunden nicht nur das Wissen darĂĽber zu vermitteln, sondern bieten mit SCOOB (Social Commerce Out Of the Box) auch erstmals Social Commerce-Standardsoftwarekomponenten fĂĽr die Plattformen Intershop Enfinity und Magento an.

Im Übrigen ist Jena in der Tat nicht drogenfrei. Allerdings fahren wir hier nicht auf Kokain ab, sondern hin und wieder vor allem abends auf Köstritzer Schwarzbier. Und von den Kreditkartenboxen, für die Sie sich interessierten, haben wir etwa 100 Stück verkauft.

Da wir inzwischen echte Margen erreichen, halten wir unsere Problemlösung, nämlich Restbestände und Überproduktionen ohne Schädigung der Marke oder des Preises abzuverkaufen, schon für tragfähig. Wir sind insofern die Igel im E-Commerce, denn wir räumen sozusagen den Wald auf. Offenbar finden das auch unsere Kunden, sodass wir frohen Mutes in die Zukunft sehen.

Was Sie im Hinblick auf die Markteintrittsbarrieren gesagt haben stimmt. Man muss allerdings sehen, dass sich das Modell aus verschiedenen Gründen nicht für Shops als Lösung zum dranbasteln eignet, wie etwa der gescheiterte Versuch von Cyberport mit Cyberport24 zeigt. Wer darüber mehr wissen will, dem empfehle ich das Excitingcommerce Blog von Jochen Krisch. Auch profitieren im Moment nur Preisbock, Guut und teilweise Ibood von der Medienaufmerksamkeit, die dieses Thema derzeit bekommt. Ich denke, dass sich die Bereinigung, die mit dem Aus von Schutzgeld begonnen hat, in Zukunft noch weiter fortsetzen wird. Denn 24/7-Liveshoppingbetrieb ist aufwendig, kostet Kraft und nicht zuletzt auch viel Geld. Großen Online-Retailern wie Otto und Quelle bescheinige ich allerdings gute Erfolgsaussichten, wenn sie unabhängige Liveshoppingprojekte starten und mit ihrer Reichweite schnell eine Community aufbauen.

In diesem Sinne – bis zum nächsten Mal.

Ihr

Christian Grötsch (map)