Kolumne: Ingram-Manager Gerhard Schulz kann zum Helden werden

Mit einem geschickten Schachzug versucht Ingram-Manager Gerhard Schulz, das Unternehmen weitgehend unbeschadet durch die schwierige Konjunktur zu steuern. Wenn sein Konzept aufgeht, spendiert ihm Heise-resale-Kolumnist Damian Sicking neue Visitenkarten.

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Von
  • Damian Sicking

Lieber Ingram-Micro-SVPC&EE* Gerhard Schulz,

nun, da es feststeht, dass sich Deutschland in einer Rezession befindet, hat ein Firmenchef im Wesentlichen drei Möglichkeiten, darauf zu reagieren:

1. Er tut nichts.

2. Er senkt die Kosten.

3. Er versucht, zusätzliches Geschäft zu generieren.

Möglichkeit Eins endet üblicherweise damit, dass das Unternehmen vor die Wand fährt. Alternative Zwei ist häufig mit schmerzhaften Personalentscheidungen und schlechter Presse verbunden. Möglichkeit Drei ist die schwierigste, aber auch diejenige, die aus einem ehrbaren Kaufmann einen Helden macht. Wenn die Mission erfolgreich ist, versteht sich.

Sie, lieber Herr Schulz, haben sich für die dritte Möglichkeit entschieden. Bereits zum 1. September hat Ingram Micro Deutschland den paneuropäischen Einkauf für alle europäischen Ingram-Gesellschaften nach Straubing (Logistik) und Dornach (kaufmännisch) geholt. Dieser paneuropäische Einkauf betrifft alle Produkte, die keine länderspezifischen Besonderheiten aufweisen, im Wesentlichen sind dies Netzwerk-Produkte, Komponenten sowie Peripheriegeräte und Zubehör. Immerhin bedeutet dies für Ingram Micro Deutschland ein zusätzliches Volumen von rund zwei Milliarden Euro! Verantwortlich für dieses Geschäft ist Ihr Kollege Robert Beck, der dafür mit dem schön langen Titel "Managing Director Product Management and Pan European Business Unit" belohnt wird.

Ihre Initiative verdient Anerkennung. Sie sichert Arbeitsplätze bei der deutschen Ingram-Micro-Organisation (gleichwohl verlieren 15 Mitarbeiter ihren Job). Damit begegnen Sie dem üblichen Mechanismus in konjunkturell schwierigen Zeiten: Die Muttergesellschaften – egal ob amerikanisch, japanisch, koreanisch etc. – verlangt von ihren nationalen Töchtern Einsparungen in nicht diskutierbarer Größenordnung. Vielleicht bleibt es dem Managament vor Ort überlassen, wie es diese Einsparungen realisiert, oft wird aber auch eine Personalreduzierung um soundsoviel Prozent vorgegeben. HP ist ein aktuelles Beispiel aus der IT-Branche: Vor einigen Wochen kündigte Firmenchef Marc Hurd an, weltweit knapp 25.000 Stellen zu streichen. Jetzt können die Verantwortlichen in Deutschland sehen, wie sie in den kommenden zwei Jahren 1.400 Stellen streichen. Die Stimmung in den Belegschaften ist entsprechend schlecht.

Ich bin sicher, dass die amerikanische Ingram-Micro-Mutter in dieser Hinsicht nicht anders tickt. Das Unternehmen hatte für das dritte Quartal des laufenden Geschäftsjahres bereits einen Umsatzrückgang um vier Prozent und einen Gewinneinbruch um 36 Prozent gemeldet. Klar, dass da gehandelt werden muss. So gibt es auch bei Ingram ein "expense-reduction program", von dem sich Ingram-Micro-CEO Greg Spierkel Einsparungen in Höhe von 18 bis 24 Millionen Dollar im Jahr verspricht.

In unserem gestrigen Telefongespräch sagten Sie zu den Geschäftsaussichten für das kommende Jahr: "2009 wird für die IT-Branche in Deutschland voraussichtlich kein berauschendes Jahr." Ich denke, wenn 2009 lediglich "nicht berauschend" wird, können wir noch froh sein. Eine wesentliche Folge einer stagnierenden und schrumpfenden Marktentwicklung ist, dass der Verdrängungskampf noch härter wird. Eine große Herausforderung für die Unternehmen. Nur wer optimal aufgestellt ist, kann unter diesen widrigen Umständen Punkte für sich erzielen. Sie haben angesichts dieser Lage zwei wesentliche organisatorische Änderungen in der deutschen Ingram-Micro-Organisation vorgenommen:

1. Um die VBs von administrativen Aufgaben zu entlasten, haben Sie den neuen Bereich "Sales Operations" eingerichtet, der von Ute Diermeier geleitet wird. Diese Division ĂĽbernimmt die gesamte Vertriebsabwicklung (Back Office), was zu einer deutlich schnelleren und effektiveren Auftrags- und Projektbearbeitung fĂĽhren soll.

2. Die Marketing-Communications-Einheit ("Marcom") wandert vom Produktmanagement zum Vertrieb und wird hier der reformierten SMB-Abteilung zugeordnet. Dies fĂĽhrt gleichzeitig zu einer Entlastung von Robert Beck, in dessen Verantwortlichkeit bis dato die Marcom-Einheit fiel. Neuer Leiter der SMB-Abteilung wird Ingram-Micro-Urgestein Ernesto Schmutter. Welche Position der bisherige Marcom-Leiter Peter Silberhorn ĂĽbernehmen kann, ist derzeit noch offen.

Lieber Herr Schulz, ich habe oben geschrieben, dass derjenige Firmenchef zum Helden wird, der es schafft, in schwierigen Zeiten wie diesen groĂźe Personalentlassungen zu vermeiden und das Unternehmen relativ unbeschadet durch die Krise zu steuern. Wenn Sie das hinkriegen, dann lasse ich auf meine Kosten neue Visitenkarten fĂĽr Sie drucken. Da steht dann nicht mehr "Gerhard Schulz, Senior Vice President Central & Eastern Europe" drauf, sondern "Gerhard Schulz, Hero".

Beste GrĂĽĂźe

Damian Sicking

*Bei Ingram scheinen mit der steigenden Bedeutung der Manager auch deren Titel immer länger zu werden. Tut mir leid, aber ich musste Ihren vollen Titel "Senior Vice President Central & Eastern Europe" abkürzen, so viel Platz habe ich in der Anredezeile nicht. Damals, als Sie noch ein ganz gewöhnlicher "Geschäftsführer" waren, war das einfacher.

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