Kolumne: Wie authentisch muss HPs neuer Deutschland-Chef sein?

Der ehemaliger Novell-Manager Volker Smid ist neuer Deutschland-Chef von HP. Eine gute Gelegenheit, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie authentisch Vorgesetzte in ihrem Führungsverhalten sein müssen.

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Von
  • Damian Sicking

Lieber neuer HP-Deutschland-Chef Volker Smid,

vielen Dank für die schöne Überraschung zum Jahresanfang. Sie, lieber Herr Smid, hatten wohl die wenigsten auf der Liste, wenn es um die Frage ging, wer wohl der Nachfolger von Uli Holdenried als Deutschland-Chef von HP werden würde. Jedenfalls die wenigsten Halbgebildeten in der IT-Szene so wie ich. Sie haben sich in ihrer letzten Position als Europachef von Novell ja nicht gerade in den Vordergrund gedrängt, sodass Sie gar nicht so bekannt sind. Jetzt stehen Sie plötzlich im Scheinwerferlicht. Schließlich ist HP ein ganz anderes Kaliber als Novell und beschäftigt allein in Deutschland mehr Mitarbeiter als Novell auf der ganzen Welt. Für Sie kommt das Angebot zur rechten Zeit. Sie sind gerade 51 Jahre alt geworden. Wenn alles glattgeht, sollte dies Ihr letzter Job sein. Bis zur Rente müssen Sie zwar noch ein paar Jahr rackern, aber lassen Sie sich nicht von den Statistiken beirren, denen zufolge die Haltbarkeit von Managern auf dem Chefsessel immer kürzer wird. Das sind bloße Durchschnittswerte.

Ich selbst hatte mal Gelegenheit, ein Interview mit Ihnen zu führen, kurz bevor Sie Europachef von Novell wurden, und es ist ein positiver Eindruck haften geblieben: unprätentiös, sympathisch, ein Mann der leisen Töne. Fachlich sind Sie sicher auch auf dem aktuellen Stand, sonst hätten Sie den Job nicht bekommen. Was mich an dieser Stelle aber mal interessieren würde: Wie halten Sie es als Manager und Führungskraft eigentlich mit der Authentizität? Blöde Frage, sagen Sie? Völlig richtig, sehe ich auch so. Aber dennoch: Immer wieder liest und hört man, wie wichtig es für eine Führungskraft sei, dass sie authentisch ist. "Nur authentische Führung ist gute Führung" – so lautet das entsprechende Fazit einer Studie der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft in Überlingen und Bad Harzburg. Über 60 Prozent der 267 Befragten halten Authentizität für die wichtigste Führungseigenschaft eines Managers, insbesondere in Krisenzeiten. Damit nimmt Authentizität den Spitzenplatz unter allen genannten Eigenschaften ein – noch vor Begeisterungsfähigkeit und Belastbarkeit. (Mehr dazu im Artikel "Wann sind Manager echt" in der Zeitschrift "Manager Seminare".) Es gibt sogar eine "Stiftung authentisch führen" mit der gleichnamigen Website dazu.

Ich hatte bereits im März 2006 einen Artikel zum Thema "Muss eine Führungskraft authentisch sein?" geschrieben und bin von der Headline "Ein authentisches Arschloch braucht kein Mensch" heute noch genauso begeistert wie damals – weshalb ich mir erlaubt habe, sie hier noch einmal zu verwenden. Ich darf mich mal kurz selbst zitieren? Damals schrieb ich: "Ein Manager muss Vieles sein: Dass er authentisch ist, gehört nicht dazu. Ein authentisches Arschloch braucht kein Mensch – die Mitarbeiter nicht, die Kunden nicht, die Lieferanten nicht und auch die Aktionäre nicht. Der Manager muss nicht authentisch sein – er muss professionell sein. Authentizität ist ganz sicher kein Bestandteil von Professionalität." Das Problem mit der Authentizität ist ja, dass sie wunderbar ist, wenn der Manager ein guter Mensch ist und einen vorbildlichen Charakter hat. Dann ist es toll, wenn er authentisch ist. Was aber, wenn nicht? Wenn er ein Choleriker ist, ein Schwein, ein Egoist, eine linke Bazille? Ich denke, dann wünschen sich die meisten von uns, dass dieser Vorgesetzte seine niederen Triebe, sein ungehobeltes Wesen und seine schlechte Erziehung unterdrückt und er sich zusammenreißt und so benimmt, wie man es ihn auf Managementtrainings und Seminaren gelehrt hat. Wie ich bereits sagte: "Ein authentisches Arschloch braucht kein Mensch." Und schon gar nicht als seinen Vorgesetzten. Es gibt die Manager, die ihr schlechtes Benehmen ihren Kollegen und Mitarbeitern mit dem Satz "So bin ich nun einmal" zu rechtfertigen versuchen. Da kann man nur sagen, wenn sie "nun einmal so sind" und nicht bereit oder in der Lage sind, sich zu ändern und sich professionell zu verhalten, dann sind sie für den Job nicht geeignet.

Erfreulicherweise bekommen die Missionare der Authentizität immer mehr Gegenwind. Besonders ein ehemaliges Geschäftsleitungsmitglied der Kienbaum Management Consulting GmbH hat sich der Sache angenommen und ein sehr empfehlenswertes Buch dazu geschrieben. Der Mann heißt Rainer Niermeyer und das Buch trägt den Titel "Mythos Authentizität" (Campus-Verlag 2008). Auf rund 200 Seiten erläutert der Wirtschaftspsychologe, warum die Forderung nach Authentizität im Management Mumpitz ist. Ob jemand ein guter Manager, eine gute Führungskraft und ein guter Vorgesetzter ist oder nicht, entscheidet sich an der Frage, wie gut er seine Rolle ausübt, für die er vom Unternehmen eingestellt und bezahlt wird. Mit anderen Worten: Wie professionell er ist. Deshalb lautet der Untertitel des Niermeyerschen Buches: "Die Kunst, die richtigen Führungsrollen zu spielen".

Kommen wir zu unserer Ausgangfrage zurĂĽck: "Wie authentisch muss der neue Deutschland-Chef von HP sein?". Die Antwort ist nun klar: ĂĽberhaupt nicht! In Wahrheit stehen Sie, lieber Herr Smid, im hellen Scheinwerferlicht auf einer BĂĽhne und spielen eine Rolle. Eine Hauptrolle sogar. HeiĂźt es nicht sogar "All Business is Show Business"?

Beste GrĂĽĂźe

Damian Sicking

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