Kolumne: Der neue Palm Pre soll ein tolles Produkt sein - und ein Rettungsring
Es ist wie in der Musik oder der Literatur: Manchmal reicht ein einziger Hit, ein einziger Beststeller, und die Not hat ein Ende. FĂĽr den angeschlagenen PDA-Pionier Palm soll der neue "Pre" so etwas sein.
Das pre soll mit EVDO zunächst auf dem US-Markt erscheinen, eine UMTS-Version im Lauf des Jahres folgen.
Lieber Palm-Chef Ed Colligan,
an dieser Stelle möchte ich gerne die abgedroschene Redensart bemühen, dass Totgesagte länger leben, als man denkt. Nehmen wir als Beleg Ihr Unternehmen, die Palm Inc. Da gibt es kaum noch jemanden, der nicht von dem baldigen Aus des Unternehmens ausging, und dann kommen Sie auf die Messe CES in Las Vegas, und alles sieht ganz anders aus. Plötzlich ist Palm wieder da und steht sogar im Scheinwerferlicht, alle Welt spricht und schreibt über den einstigen PDA-Pionier, der anschließend in große Existenznöte geriet.
Der Grund für diese Aufregung ist ein einziges Produkt, das Sie mit in die Wüstenstadt in Nevada gebracht haben: der "Palm Pre", der neue "iPhone-Killer". Die Leute, die von der CES berichten, sind ganz aus dem Häuschen und überschlagen sich vor Begeisterung, wenn Sie von dem neuen Palm-Gerät sprechen – selbst ansonsten auf journalistische Distanz geeichte Reporter wie Thomas Kuhn von der Wirtschaftswoche. Kollege Kuhn ist von dem Teil restlos angetan und glaubt sogar, dass der "Palm Pre" "das Zeug hat, der Marke wieder zum alten Kultstatus zu verhelfen und dem iPhone gefährlich zu werden". Der Chefredakteur der dpa-infocom, Christoph Dernbach, lehnt sich in seinem Blog noch weiter aus dem Fenster und ist sich sicher, "den wahren Herausforderer des iPhones gesehen zu haben".
Ein wenig perfide dagegen die Berichterstattung beim Spiegel. Der setzt nämlich über den "Pre"-Artikel die Überschrift "Palm erfindet das iPhone neu". Perfide ist die Headline deshalb, weil man sich fragen kann, wozu man etwas erfinden soll, was es schon gibt. Machen das nicht nur Dummköpfe? Dennoch hat der Spiegel nicht ganz Unrecht, denn der "Vater" Ihres "Pre" ist Jon Rubinstein, und das ist derselbe Jon Rubinstein, der lange bei Apple gearbeitet und den iPod erfunden hat. Der "Palm Pre" soll vor allem aufgrund der technischen Features, zu denen ihm das ebenfalls neue Palm-Betriebssystem "Web Os" verhilft, noch besser als das iPhone sein.
Genau solche Produkte wie der "Pre" sind der Grund, weshalb ich als Anleger oder Investor eher in Produktionsbetriebe als in Dienstleister investieren würde. Ich hatte dazu vor einiger Zeit an dieser Stelle bereits einen Beitrag geschrieben und mir dafür reichlich Kritik eingehandelt. Aber ich bleibe dabei. Ein Spitzenprodukt, ein großer Wurf – und aus einem Unternehmen kurz vorm Abnippeln kann ein Star werden. Das ist wie in der Musik oder in der Literatur: Ein Hit, ein Bestseller, und die Not hat ein Ende. Das Geld fließt in Strömen. Übrigens bin ich der Ansicht, dass gute, wettbewerbsüberlegene Produkte auch das beste ist, was ein Hersteller für seine Vertriebspartner tun kann. Das beste Partnerprogramm, die beste Partnerunterstützung sind hervorragende Produkte, die einem die Kunden aus den Händen reißen.
Ob der "Pre" ein solches Produkt ist, muss sich erst noch zeigen. Ich bin ein bisschen skeptisch. Die Funktionen mögen erstklassig sein, aber das Design finde ich doch recht hausbacken und langweilig. Ein großes Manko auf dem Weg zum "Musthave". Dennoch glauben viele daran, dass Palm damit wieder zurück ins Spiel kommen wird. Nach der Vorstellung des "Pre" schoss der Palm-Aktienkurs um bis zu 35 Prozent in die Höhe.
Man kann dem Unternehmen Palm wirklich nur wünschen, dass der "Pre" am Markt einschlägt, denn sonst sieht es für das Bestehen der Firma zappenduster aus. Allein im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres 2008/09 mussten Sie einen Nettoverlust von 506 Millionen Dollar ausweisen, der Umsatz ging auf nur noch 192 Millionen Dollar zurück, ein Minus gegenüber dem vergleichbaren Vorjahresquartel um 45 Prozent – und Q2 des Vorjahres war ja auch schon sehr schlecht. Es gibt daher Leute, die sich fragen, ob Palm überhaupt noch so lange durchhält, bis der neue Hoffnungsträger "Pre" auf den Markt kommt. Das Einführungsdatum steht noch nicht einmal fest, irgendwann im ersten Halbjahr 2009 soll das Gerät erst einmal den Amerikanern angeboten werden. Wann der "Pre" nach Europa kommt, steht derzeit noch in den Sternen.
Lieber Herr Colligan, viele meinen, der "Pre" sei fĂĽr Palm die letzte Chance. NatĂĽrlich drĂĽcke ich Ihnen die Daumen.
Beste GrĂĽĂźe
Weitere Beiträge von Damian Sicking finden Sie im Speakers Corner auf heise resale. ()