Kolumne: Wir können nur teuer!

IBM-"Forschungsminister" Erich Baier äußert sich in einem Interview begeistert über die Kompetenz der deutschen IT-Ingenieure. Wenn das so ist, warum spielen dann deutsche Unternehmen in so vielen Bereichen der Informationstechnik kein Rolle mehr?

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Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Damian Sicking

Lieber Erich Baier, Chef des IBM-Forschungszentrums in Böblingen,

in der ersten Ausgabe des Jahres brachte die Wirtschaftswoche ein Interview mit Ihnen. Im Inhaltsverzeichnis des Heftes wurde der Beitrag wie folgt angekündigt: "IBM-Forschungschef Erich Baier über Deutschlands Spitzenstellung in der Computerei". Wie bitte, dachte ich, als ich diesen Satz las, "Deutschlands Spitzenstellung in der Computerei"? Hab ich irgendetwas nicht mitgekriegt oder ist schon wieder Karneval? Klar war, dass ich mir die "WiWo" kaufen und das Interview mit Ihnen lesen musste.

Das, was im Inhaltsverzeichnis als "Deutschlands Spitzenstellung in der Computerei" angekündigt und gefeiert wurde, entpuppt sich dann im Text als das Hohe Lied auf die deutschen Ingenieure, gerade in der Informationstechnologie. Sie schwärmen von dem "enormen Fundus an erstklassigem Know-how, speziell in der Softwarebranche". Ihr Wort, lieber Her Baier, hat Gewicht. Sie leiten seit Mitte des vergangenen Jahres das IBM-Forschungszentrum in Böblingen mit rund 2.200 Mitarbeitern. Sie betreiben Forschung und Entwicklung im Bereich Mikroprozessoren, Großrechnertechnologie und Software. Vorher waren Sie 16 Jahre lang für die IBM in den USA tätig. Sie haben also den direkten Vergleich zwischen dem "Thinktank" Silicon Valley und Deutschland. Und da schneiden wir hier gar nicht so schlecht ab. Im Gegenteil. "Wir brauchen uns", sagen Sie, "hinter Technologie-Standorten wie dem Silicon Valley wahrlich nicht zu verstecken." Das klingt gut, das tut gut, so etwas hört man gerne. Aber wo genau ist nun die "Spitzenstellung in der Computerei"? Gut, wir haben die SAP, auf die wir alle mächtig stolz sind. Aber wo ist unsere Spitzenstellung im PC-Markt, bei Druckern, bei Monitoren, bei sonstigen Peripheriegeräten, auch bei Software? Wie viele deutsche IT-Hersteller mit internationaler Bedeutung fallen Ihnen denn spontan ein, lieber Herr Baier?

Dass wir in den geraden genannten Segmenten keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen, hat, glaube ich, seinen besonderen Grund. Sie kennen vielleicht auch den früheren Werbespruch von Media-Markt "Wir können nur billig". Das war natürlich gelogen, denn Media-Markt konnte schon immer sehr viel mehr. Aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls stimmt dieser Slogan für Deutschland schon mal gleich gar nicht. Wir schaffen es nicht, ein billiges Produkt herzustellen, das sich auf dem Weltmarkt durchsetzt. Das Gegenteil des alten Media-Markt-Slogans vielmehr ist richtig: Wir können nur teuer! Wenn wir Deutschen mit unserer Gründlichkeit und unserer "Ingenieursdenke" Produkte herstellen wollen, die sich auf dem Weltmarkt durchsetzen, dann können dies immer nur qualitätiv hochwertige Produkte sein. Und da Qualität nun einmal ihren Preis hat, sind diese Produkte eben verhältnismäßig teuer. Porsche, Mercedes Benz, SAP... Auch unsere Häuser sind hochwertiger als anderswo auf der Welt. Wir können einfach nicht billig, wir können nur teuer. Ich glaube, die Sache mit der "deutschen Wertarbeit", die haben wir einfach in unseren Genen und geben sie von Generation zu Generation weiter. Im Gegenzug tun wir uns immer dann schwer, wenn es gilt, mal schnell etwas zu entwickeln und als fertiges Produkt auf den Markt zu werfen. Darin sind wieder andere gut.

Ich glaube dagegen nicht, dass wir Deutsche uns "unter Wert verkaufen", wie Sie vermuten, lieber Herr Baier. Man kann doch wirklich nicht ernsthaft behaupten, dass wir Deutsche schlechte Verkäufer sind. (Ich selbst kenne ein paar Leute, die sind sogar Spitzen-Verkäufer, vor allem wenn es um sie selbst geht.) Völlig richtig weisen Sie allerdings darauf hin, dass viele der IT-Ingenieure in Deutschland ihre Brötchen gar nicht in der IT-Branche im engeren Sinne verdienen. Sondern im Automobilbereich, im Maschinen- und Anlagenbau – eigentlich überall, denn welche produzierende Branche kommt heute noch ohne IT aus?

Also halten wir fest: Die deutschen IT-Ingenieure brauchen den internationalen Vergleich nicht zu scheuen, und unsere Stärken sind noch immer unsere Gründlichkeit und unser Qualitätsanspruch. Na, das ist doch was!

Beste Grüße

Damian Sicking

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