Kolumne: Hallo CeBIT, geht´s nicht eine Nummer kleiner?

Wenn es nach dem Veranstalter, den Funktionären und sonstigen Interessensvertretern geht, dann wird die CeBIT in diesem Jahr die Welt, die Gesellschaft, die IT-Branche und die eigene Karriere retten. Was am Ende bleiben wird, ist Enttäuschung.

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Von
  • Damian Sicking

Lieber CeBIT-Chef Ernst Raue,

heute in einem Monat beginnt die CeBIT in Hannover. Sie findet in einem schwierigen konjunkturellen Umfeld statt, was wohl auch der Grund dafür ist, dass wieder ein paar Aussteller kurzfristig abgesagt haben (Samsung, Kyocera, Novell, Siemens SEN). Mitte Januar sagte Ihr Sprecher Hartwig von Saß, dass in den Messehallen in Hannover vom 3. bis zum 8. März weniger Aussteller sein werden als zuvor. Die große Befürchtung bei Ihnen und Ihren Kollegen von der Deutsche Messe AG als Veranstalter sowie bei den Ausstellern ist nun, dass auch die Zahl der Besucher deutlich unter dem Vorjahr liegen wird.

Um das zu verhindern, legen sich einige Interessensvertreter mächtig ins Zeug und schicken Pressemitteilungen raus. Darin machen sie allen Menschen noch einmal sehr deutlich, wie wichtig und bedeutsam die CeBIT ist und dass sie UNBEDINGT nach Hannover kommen müssen. Dass Sie, lieber Herr Raue, kräftig die Werbetrommel rühren, ist klar. "CeBIT wichtiger denn je", schlagzeilten Sie Mitte Januar und äußerten die Überzeugung, dass "eine gute CeBIT in der derzeitigen weltweiten (sic!) Stimmung in der Wirtschaft einen wichtigen konjunkturellen Impuls setzen" kann. Das zeugt von einem gesunden Selbstbewusstsein, welches höchstens noch vom amtierenden Bitkom-Präsidenten August-Wilhelm Scheer getoppt wird. Der sagte nämlich vor ein paar Tagen: "Die CeBIT wird zeigen, dass die ITK-Branche der Schlüssel zur Lösung der großen gesellschaftlichen Aufgaben ist." Ja wenn das so ist, dann MUSS man ja unbedingt im März nach Hannover reisen, und zwar nicht nur Hinz und Kunz, sondern vor allem die Schwergewichte aus Politik und wer halt sonst noch für die Lösung der großen gesellschaftlichen Aufgaben zuständig ist.

Apropos Schwergewichte: Der "Elephants Club e.V." unter Vorsitz der früheren CA-Deutschland-Chefin Gabriele Rittinghaus sah sich ebenfalls genötigt, sich in dieser Angelenheit zu Wort zu melden. Mitte Januar trompeteten die Elefanten: "CeBIT wichtiger als je zuvor." Die Begründung: Die CeBIT sei "ein einzigartiges Gipfeltreffen, auf dem wesentliche Entscheidungen besprochen und getroffen werden, die ausschlaggebend für das Wachstum der Branche über 2009 hinaus sein werden". Die Schlüsselwörter sind "einzigartig", "wesentlich" und "ausschlaggebend". Eine bessere Definition von "wichtig" kann man sich kaum ausdenken.

Das Charakteristische für ein Gipfeltreffen ist, dass dort immer die ganz wichtigen Leute hinkommen. Wer nicht dort ist, der ist – logisch – nicht ganz oben, sondern hängt noch irgendwo weiter unten rum. Mit anderen Worten: Wer von Geltung sein oder werden will, der muss bei einem Gipfeltreffen dabei sein. Wenn es nach dem Headhunter Karl Hecken geht, dann ist die CeBIT in Hannover so etwas wie das "Davos der IT-Branche". Hecken ist Gründer und Galionsfigur der auf die IT-Branche spezialisierten Personalberatung Convenio AG und verstieg sich vor wenigen Tagen zu der Behauptung: "Wer die CeBIT schwänzt, gefährdet seine Karriere." Ich finde die Aussage ja ein bisschen übertrieben, aber trotzdem raffiniert formuliert. Denn "schwänzen" kann man eigentlich nur eine Pflichtveranstaltung wie zum Beispiel den Matheunterricht in der sechsten Stunde. Und wenn man dies tut, hat man meistens ein schlechtes Gewissen und das Gefühl, vielleicht etwas Wichtiges verpasst zu haben. Außerdem sagt Hecken noch: "Die CeBIT ist gerade in der Wirtschaftsflaute als einzigartiger Treffpunkt für die IT- und TK-Branche unerlässlich zum karrierefördernden Networking." Mit der Betonung auf "einzigartig" und "unerlässlich", vermute ich.

Fassen wir an dieser Stelle einmal zusammen. Die CeBIT ist der Ort, wo ...

... die Weltwirtschaft wieder in Gang gesetzt wird (Raue);

... der Schlüssel zur Lösung der großen gesellschaftlichen Aufgaben liegt (Scheer);

... wesentliche Entscheidungen fĂĽr die Zukunft der ITK-Branche getroffen werden (Rittinghaus);

... Karrieren in der ITK-Branche gemacht oder beendet werden (Hecken).

Hallo, geht’s nicht eine Nummer kleiner? Geht es nicht ein bisschen mehr "down to earth"? Ist die CeBIT nicht zuallererst eine Messe, auf der Produkte und Lösungen gezeigt und demonstriert werden, welche die ITK-Probleme der Besucher lösen und die Produktivität der Anwenderunternehmen steigern sollen? Und ist nicht sehr viel gewonnen, wenn ihr dies gelingt? Ist das etwa banal? Muss man unbedingt immer gleich die Welt retten? Ist es nicht schon eine tolle Sache, wenn man von der CeBIT etwas mit nach Hause nimmt, was einem hilft, besser, effizienter, produktiver zu sein?

Was Sie und Ihre Mitsprecher tun, lieber Herr Raue, ist, eine Erwartungshaltung und einen Anspruch an die CeBIT aufzubauen, welchen die Messe niemals erfüllen kann. Keine Messe der Welt kann das. Sie tun dies in bester Absicht, gewiss. Aber der Schuss kann nicht anders, als nach hinten losgehen. Die CeBIT kann vor dieser Erwartungshaltung gar nicht anders, als zu versagen. Und weil die CeBIT diesem enormen Anspruch nicht gerecht werden KANN, wird Enttäuschung das Ergebnis sein. Das ist schade, denn die CeBIT kann dafür nichts. Sie will ja nichts anderes als eine Messe sein.

Beste GrĂĽĂźe

Damian Sicking

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