Kolumne: Ist der Arques-Aufsichtsrat Teil der Lösung oder Teil des Problems?

Anfang dieser Woche feuerte der Arques-Aufsichtsrat den Vorstandsvorsitzenden Michael Schumann. Offizielle Begründung: der niedrige Aktienkurs. Wenn dies ein Kriterium ist, dann müssten fast alle Chefs börsennotierter Unternehmen ausgetauscht werden.

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Von
  • Damian Sicking

Lieber Arques-Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Georg Obermeier,

Ende dieses Monats muss der Vorstandsvorsitzende der Investmentfirma und Actebis-Mutter Arques, Dr. Michael Schumann, seinen Stuhl räumen, nach nur einem Jahr im Amt. Als Begründung teilte das Unternehmen mit, es sei Schumann nicht gelungen, den Arques-Aktienkurs "auf einem akzeptablem Niveau zu stabilisieren". Was für eine bescheuerte Begründung und was für ein Schwachsinn! Zwar ist es richtig, dass der Aktienkurs von Arques mit aktuell rund 1,50 Euro ewig weit entfernt ist von den 40 Euro im Sommer 2007, und auch hat er nur noch weniger als ein Drittel des Wertes von vor einem guten halben Jahr. Und dass der Aufsichtsrat und die Arques-Aktionäre der Ansicht sind, dass die Aktie "massiv unterbewertet ist", will ich ebenfalls gerne glauben. Aber lieber Herr Dr. Obermeier: Wenn man sämtliche Vorstände von Unternehmen rausschmeißen wollte, deren Aktien derzeit unterbewertet sind, dann bliebe in den Chefetagen kaum noch jemand übrig.

Nehmen wir zum Beispiel die Lufthansa. Der Spiegel bringt in seiner aktuellen Ausgabe (6/09, S. 84 ff.) ein sehr interessantes Interview mit dem Chef der Airline, Wolfgang Mayrhuber. Unter anderem spricht der Spiegel-Redakteur den auf dem Aktienkurs basierenden Unternehmenswert der Lufthansa von derzeit lediglich 4,6 Milliarden Euro an und sagt: "Allein Ihre Flugzeuge brächten mehr als doppelt so viel." Darauf entgegnet Mayrhuber: "Alle Faktoren für den Erfolg eines Unternehmens, die ich einmal gelernt habe, spielen bei Analysten heute kaum ein Rolle. Beim Zehnkampf weiß ich ganz genau, wie viele Punkte ich für welche Leistung bekomme. Ich weiß, was ich etwa leisten muss, wenn ich ganz vorne mitspielen will. Und nur, wenn die anderen alle mal einen schlechten Tag haben, reichen mir vielleicht auch mal etliche Punkte weniger zum Sieg. Als Zehnkämpfer in der Luftfahrt werde ich quasi danach bewertet, wie groß die Chance ist, dass ich beim übernächsten Wettkampf stolpere oder mir das Stadiondach auf den Kopf fällt. Alles reine Spekulation! Das ist schade." Darauf der Spiegel-Redakteur: "Sie klingen enttäuscht." Darauf Mayrhuber: "Nein, ich versetze mich aber in die Rolle des Aktionärs, der sein Geld langfristig in ein vernünftiges Geschäft stecken will und dann feststellen muss, dass es bei der Bewertung der Aktien offenbar zu wenig auf die tatsächliche Unternehmensleistung ankommt."

Bisher ist niemand auf die Idee gekommen, Mayrhuber wegen des niedrigen Aktienkurses zu feuern, und es ist anzunehmen, dass das auch nicht geschehen wird. Denn das wäre eine sehr dumme Idee. Nun ist Arques nicht die Lufthansa, aber trotzdem frage ich mich, ob nicht ein Aufsichtsrat, der seinen Vorstandsvorsitzenden wegen des niedrigen Aktienkurses feuert, nicht lieber selbst sein Amt niederlegen sollte. Jetzt mal Hand auf´s Herz, lieber Herr Dr. Obermeier, sind Sie wirklich der Ansicht, dass das Ziel einer Unternehmung darin bestehe, einen hohen Aktienkurs zu erzielen? Für mich ist das völliger Unsinn. Meiner bescheidenen Meinung nach kann ein hoher Aktienkurs nicht sinnvollerweise das Ziel einer unternehmerischen Tätigkeit sein, sondern allenfalls deren Ergebnis, und nicht einmal das ist sicher. Lufthansa-Chef Mayrhuber hat ja im Spiegel-Interview deutlichgemacht, wie begrenzt der Einfluss des Unternehmens und seines Vorstandsvorsitzenden auf den Kurs ist.

Wenn Sie und Ihre Aufsichtsratskollegen der Meinung gewesen wären, Schumann sei mit der Unternehmensführung überfordert, okay, das würde ich Ihnen als Begründung für die Kündigung abkaufen. Aber das tun Sie ja nicht. Für mich ist die von Ihnen angeführte Begründungs für Schumanns Rausschmiss nichts anderes als eine Nebelkerze, um von der schlechten Gesamtverfassung des Unternehmens abzulenken.

Und die Unternehmensentwicklung des vergangenen Jahres gibt ja wirklich ausreichend Grund, die Vertrauensfrage zu stellen. Nach den ersten neun Monaten 2008 (frischere Zahlen liegen noch nicht vor) ist der Konzernumsatz akquisitionsbedingt zwar um 322 Prozent auf knapp vier Milliarden Euro gestiegen, doch auf der Ertragsseite machte Arques voll den Möllemann: Der Überschuss von 106 Millionen Euro aus den ersten neun Monaten 2007 verwandelte sich in einen Fehlbetrag von 115 Millionen Euro. Die Eigenkapitalquote verringerte sich auf nur noch 17 Prozent. Da braucht man keinen niedrigen Aktienkurs, um das richtig schlecht zu finden.

Außerdem hat Schumann einfach ein paar Dinge nicht hingekriegt, die er versprochen hatte. So zum Beispiel den Verkauf von Actebis. Mitte vergangenen Jahres hatte Schumann angekündigt, Actebis in 2008 auf jeden Fall wieder abzustoßen, entweder durch einen Börsengang oder einen Verkauf. Wie ich ihm damals schon vorhergesagt hatte, ist nichts dergleichen passiert. Klar, Gründe, warum man etwas nicht geschafft hat, gibt es immer. Aber wer etwas verspricht und dann nicht hält, der darf sich nicht wundern, wenn anschließend niemand mehr mit ihm spielen will.

Aber trotzdem meine ich, dass man die Verantwortung für die negative Entwicklung von Arques nicht allein auf den Schultern des scheidenden Vorstandsvorsitzenden abladen kann. Auch der Aufsichtsrat muss sich die Frage gefallen lassen, ob er seiner Aufgabe gewachsen ist. Wenn man wie bei Arques innerhalb von zwei Jahren drei Vorstandsvorsitzende verschleißt und sie wegen angeblicher Unfähigkeit in die Wüste schickt, dann sind vielleicht gar nicht die Vorstände das Problem, sondern der Aufsichtsrat. Jetzt verzichten Sie komplett auf einen Vorstandsvorsitzenden, aber ob dies die Lösung ist?

Beste GrĂĽĂźe

Damian Sicking

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