Nur langweilige Menschen langweilen sich

Alle reden von Burnout, aber nur wenige von Boreout. Dabei ist Langeweile im Job ein weit verbreitetes Phänomen in Deutschlands Firmen. Gefährlich wird es dann, wenn sich die Manager langweilen. Und das passiert öfter, als man gemeinhin denkt.

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Von
  • Damian Sicking

Lieber Werner FĂĽhrer, GrĂĽnder und Chef des Systemhauses BĂĽrotex,

"Jobfrust! Jeder 6. langweilt sich" schlagzeilte die Bild auf ihrer Titelseite am Freitag letzter Woche und beruft sich auf eine entsprechende Studie. Langeweile im Job ist schlimm. Schlimm für die Leute, die sich langweilen. Aber auch schlimm für die Unternehmen, in denen sich diese Leute langweilen. Und besonders schlimm ist es, wenn die Chefs sich langweilen. Ich fürchte, das kommt häufiger vor, als man denkt.

Langeweile ist nicht nur ein Gemütszustand, in dem man sich nur äußerst ungern befindet, sondern auch lebensgefährlich, also in etwa so wie Rauchen. Ich möchte hier an eine Studie aus dem Jahr 2002 erinnern, derzufolge Langeweile im Job das Leben verkürzen kann. Seitdem wissen wir, dass der Satz "Ich langweile mich zu Tode" gar keine Metapher, sondern wörtlich zu nehmen ist. Ganz schlecht sieht es für Raucher aus, die sich im Job langweilen. Sie haben eine doppelte Chance auf ein frühzeitiges Ableben. Das Thema "Langeweile am Arbeitsplatz" (Fachterminus: "Boreout") hat in den vergangenen Jahren wirklich Karriere gemacht, es werden Bücher darüber geschrieben ("Diagnose Boreout", "Die Boreout-Falle") und Internetseiten eingerichtet. Natürlich gibt es auch schon Seminare dazu.

Besonders brisant wird das Thema "Langeweile im Job" natürlich, wenn es ums Management geht. Nun wird der eine oder andere womöglich sagen: Manager, die sich langweilen? Das gibt's doch gar nicht. Haben unsere Führungskräfte nicht die spannendsten, interessantesten und abwechslungsreichsten Jobs der Welt? Haben Studien nicht festgestellt, dass Manager sich alle neun Minuten mit einer anderen Aufgabe beschäftigen? Alle neun Minuten! Wie soll da Langeweile aufkommen!? Und außerdem heißt es doch: "Nur langweilige Menschen langweilen sich." Und unsere Führungskräfte sind ja zweifelsohne alles andere als langweilige Menschen. Oder???

Und trotzdem: Das Thema Langeweile im Management wird unterschätzt. Es ist ein Tabu. Man redet nicht darüber, zumindest nicht öffentlich. Aber trotzdem gibt es dies: Manager, die sich langweilen. Dass man viel zu tun hat, bedeutet nicht, dass man sich nicht langweilt. Andere sind Opfer ihrer eigenen erfolgreichen Delegierungsarbeit geworden und sitzen nun in ihren klimatisierten Räumen, drehen Däumchen und schlagen die Zeit tot. Ist eigentlich schon mal jemand der Frage nachgegangen, wie viele unternehmerische Entscheidungen (Übernahmen!) darauf zurückzuführen sind, dass sich die verantwortlichen Manager, Geschäftsführer oder Vorstandsvorsitzende langweilten? Ich bin sicher, dass da ganz schön was zusammenkommt. Die nächste Frage wäre: Wie gut waren diese Entscheidungen?

Ich glaube, dass Menschen, die sich schnell langweilen, für Unternehmen gefährlich sind. Sie machen zwar viel, aber eben auch viel Mist. Solche Menschen sind Fehlbesetzungen, wenn es um Top-Positionen geht. Wenn ein Kandidat im Einstellungsgespräch sagt, dass er sich schnell langweilt, lautet meine Empfehlung: Schicken Sie ihn wieder heim.

Lieber Herr Führer, Sie haben vor 26 Jahren das Systemhaus Bürotex in Nürtingen gegründet, welches heute rund 220 Menschen beschäftigt einen Umsatz von etwa 42 Millionen Euro erzielt. 26 Jahre immer dieselbe Firma und eigentlich auch immer derselbe Job. Wann war Ihnen das letzte Mal langweilig?

Beste GrĂĽĂźe

Damian Sicking

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