Was haben O2 und die Augsburger Puppenkiste gemeinsam?

Großer PR-Termin in München: Das Telekommunikationsunternehmen O2 und Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt werben für mehr Bewegung. Aber auch Mitarbeiter, die sich zu viel bewegen, können ein Problem werden.

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Von
  • Damian Sicking

O2-Chef Smith (ganz links) kurz vor den ersten 3.000 Schritten

(Bild: sic)

Lieber O2-Chef Jaime Smith,

was haben Ihr Unternehmen, die Telekommunikationsfirma Telefónica O2 und die Augsburger Puppenkiste gemeinsam? Nein, nicht dass die Hauptfiguren Marionetten sind, sondern dass sich beide für mehr Bewegung stark machen. Im Museum der Augsburger Puppenkiste wurde gerade die Ausstellung "Auf geht’s: Bewegt euch!" eröffnet, und das Unternehmen O2 nimmt jetzt mit mehr als 1.000 Mitarbeitern am Programm "3.000 Schritte extra" des Bundesgesundheitsministeriums teil. Vorgestern Nachmittag war Ministerin Ulla Schmidt mit Bodyguards und ihrem Schrittzähler eigens zum Start der O2-Beteiligung in die Zentrale des TK-Unternehmens nach München gekommen und spazierte mit Ihnen, der sehr hübschen Kickbox-Weltmeisterin Dr. Christine Theiss, dem Münchener Sportwissenschaftler Prof. Martin Halle, dem Sportschau-Moderator Markus Othmer sowie vielen O2-Mitarbeitern durch den nahe gelegenen Olympiapark.

Die Aktion ist bei den O2-Mitarbeitern offenbar super angekommen: Rund 100 Teams, mehr als 1.000 Teilnehmer haben sich zum Start angemeldet. In den nächsten 22 Tagen wollen die O2-Mitarbeiter 80.000 Kilometer zurücklegen, das entspricht zwei Weltumrundungen. Es gibt auch einen kleinen Wettbewerb: Das Team, das am Ende der Aktion die meisten Schritte "auf der Uhr" hat, entscheidet über ein soziales Projekt, das von O2 finanziell gefördert wird. Überhaupt ist das Münchener TK-Unternehmen ziemlich sportlich. Es gibt ein unternehmenseigenes Fitnessstudio, die Mitarbeiter können unter 20 bis 25 Kursen von Wirbelsäulengymnastik bis zum brasilianischen Kampftanz Capoeira auswählen, dazu Fußball, Basketball, Beach-Volleyball, es gibt Angebote zur Lebensstilanalyse, zum Stressmanagement, zur Raucherentwöhnung und einiges mehr. Nach Firmenangaben nehmen mehr als 50 Prozent der O2-Mitarbeiter regelmäßig am Gesundheits- und Fitnessprogramm teil. Nicht nur die Mitabeiter haben etwas davon (Spaß, Fitness, gutes Aussehen), sondern auch das Unternehmen. Die Angestellten sind motivierter und leistungsfähiger und fallen seltener wegen Krankheit aus. Die O2-Mitarbeiter fehlen krankheitsbedingt 5 bis 7 Tage im Jahr; der Bundesdurchschnitt liegt bei 12 bis 14 Tagen. Also: Win-win.

3.000 Schritte extra pro Tag – eine prima Aktion. Wer kann dagegen sein? Aber unter uns Leistungssportlern, lieber Herr Smith: Auch ein bisschen langweilig, finden Sie nicht? Viel interessanter – auch aus Unternehmenssicht – ist eine andere Frage: Werden in dieser Krise erneut so viele Angestellte wie bei der letzten großen Krise nach dem Zusammenbruch der New Economy anfangen, Marathon zu laufen? Ich bin überzeugt davon, dass der Marathonboom der vergangenen Jahre ohne die Krise Anfang der 2000er-Jahre so nicht möglich gewesen wäre. Ich muss diese These kurz erläutern.

Bekanntlich ist Erfolg die beste Motivation. Vor allem im Business, vor allem bei all den Mitarbeitern, die etwas mit Verkauf zu tun haben. Nun stellt sich die Frage: Was passiert mit der Motivation, wenn der Erfolg ausbleibt? Weil zum Beispiel gerade mal die Weltwirtschaft zusammenbricht? Was macht ein Vertriebsbeauftragter (VB), wenn er nichts mehr verkauft, wenn er keinen Erfolg hat? Die Antwort lautet: Viele suchen sich ihre Erfolgserlebnisse außerhalb ihrer beruflichen Tätigkeit. Da Gartenarbeit in dieser Hinsicht weniger geeignet ist, wenden sich die meisten dem Sport zu. Einmal einen Marathon laufen – das ist für viele Menschen ein Traum. Und jetzt wäre die beste Zeit, ihn zu realisieren. Das war nach dem Crash der New Economy ganz deutlich zu beobachten: Nie zuvor gab es so viele Manager, Unternehmer und andere Leistungsträger in der deutschen Wirtschaft, die Herausforderungen wie Marathon, Triathlon, Alpenüberquerung per Mountainbike oder Rennrad und Bergläufe wie zum Beispiel auf die Zugspitze suchten.

Ein Verkäufer hängt ja seinen Job nicht an den Nagel, wenn seine Verkaufsabschlüsse und damit seine Erfolgserlebnisse zurückgehen. Das kann er sich nicht leisten. Wer zahlt dann die Miete oder die Raten fürs Haus? Aber diese Menschen verfügen über eine große Stärke, nämlich eine Misserfolgskompensationskompetenz oder Frustrationskompensationskompetenz. Sie gleichen die Misserfolg im Geschäft durch Erfolg im Sport aus. Und fühlen sich wieder gut. Es handelt sich durchaus um so etwas wie Eskapismus, also eine Flucht aus der Wirklichkeit. In der Regel ist diese Flucht nur von begrenzter Dauer. Sobald die berufliche und geschäftliche Dürrephase vorbei ist und auch hier wieder Erfolge möglich sind, konzentrieren sich die Menschen wieder aufs Business.

Aus Unternehmenssicht stellt sich natürlich die Frage: Wie geht man damit um? Wenn der VB wie ein Irrer für einen Marathon oder – noch ehrgeiziger – für einen Ironman trainiert, fehlt ihm dann nicht die Energie, die er doch eigentlich und jetzt noch viel mehr für das Unternehmen einsetzen sollte? Wenn der VB in seiner Freizeit so hart trainiert, dass er die Bürozeit als Erholungsphase benötigt, darf man das okay finden? Ich habe keine Antwort auf diese Frage. Vielleicht fällt mir noch eine ein. Solange gehe ich eine Runde laufen.

Beste Grüße

Damian Sicking

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