Shareholder Value - alles ein großes Missverständnis?

Mancher sagt, es sei so, als wenn der Papst aus der Kirche austreten würde. Der "Vater" des Shareholder-Value-Prinzips, die amerikanische Management-Ikone Jack Welch, hält seine Ideen von früher plötzlich für falsch und dummes Zeug.

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Von
  • Damian Sicking

Lieber Rolf J. Heiler, Gründer und Vorstandschef der Heiler Software AG,

der Mann weiß, wie man Schlagzeilen produziert. Jack Welch, langjähriger und erfolgreicher Chef des US-Unternehmensgiganten General Electric (GE) und "Erfinder" des Shareholder Value, hält seine Überzeugungen von früher für eine "dumme Idee". Vergangene Woche verblüffte er die Fachwelt, indem er sagte, dass es ein Fehler sei, wenn CEOs die Steigerung von Gewinn und Aktienkurs als höchstes Ziel definieren und die Unternehmensstrategie danach ausrichten. "Genau betrachtet ist Shareholder Value die blödeste Idee der Welt", sagte Welch der Financial Times. Das ist eine radikale Kehrtwendung. Für den Redakteur der Süddeutschen Zeitung (SZ) ist diese Umkehr so, als wenn der Papst aus der Kirche austreten würde.

Welch hatte 1981 die Führung von GE übernommen und den Unternehmenswert in den mehr als 20 Jahren seiner Amtsführung von 13 auf 400 Milliarden Dollar gesteigert. Der Gewinn verzehnfachte sich in diesem Zeitraum auf 14 Milliarden Dollar. Welch gilt als der Vater des Gedankens, dass sich die Unternehmensführung zu allererst an den Bedürfnissen der Aktionäre ausrichten solle. Jetzt, im Alter von 73 Jahren, versucht Welch den Eindruck zu vermitteln, das Ganze sei ein großes Missverständnis gewesen. Er habe niemals den Eindruck vermitteln wollen, dass das Festsetzen und Erreichen von Gewinnzielen und der Anstieg des Aktienkurses das Hauptziel von Managern sein solle. Jetzt heißt es bei ihm: "Shareholder Value ist ein Ergebnis, keine Strategie, die wichtigsten Interessengruppen sind die eigenen Mitarbeiter, die eigenen Kunden und die eigenen Produkte." Der Shareholder Value, sagt er weiter, sei "das Ergebnis gemeinsamer Anstrengungen – vom Management bis zu normalen Angestellten".

In letzter Zeit hat die Zahl des über Jahre bei Managern und Investoren unglaublich populären Shareholder-Value-Prinzips immer mehr Kritiker erhalten. Einer von ihnen ist der Managementlehrer Fredmund Malik. In einem am vergangenen Samstag veröffentlichen SZ-Interview sagte er: "Was hat das Shareholder-Value-Prinzip angerichtet? Die Investitionen in Ausbildung wurden reduziert, die Marketingkosten heruntergefahren, an Innovationen gespart. Dann stieg kurzfristig der Gewinn. Das ist doch kein gutes und funktionierendes Management. So macht man Aktionäre arm, weil die Leistungsfähigkeit des Unternehmens immer mehr abnimmt." Statt dessen fordert Malik: "Die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und des Kundennutzens muss oberste Maxime sein, nicht die Gewinnmaximierung."

Ja, die Sache mit den Zielen und den Visionen, das ist ein heikles Thema. Nicht nur wenn es um Aktienkurse geht. Was ist ein gutes Ziel und was ein schlechtes, oder ist ein Ziel gar kein Ziel, sondern vielleicht doch eher ein Ergebnis? Ist zum Beispiel ein bestimmter Umsatz, den man bis zum Jahr 2015 erreichen will, ein sinnvolles Ziel? Oder kann dieser Umsatz nur das Ergebnis sein, während das Ziel beispielsweise darin besteht, die besten Produkte herzustellen oder den höchsten Kundennutzen zu bieten? Dies ist zum Beispiel die Meinung von Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber. In einem Spiegel-Interview sagte er kürzlich: "Größe kann ein Ergebnis sein, aber nicht das Ziel. Der Kunde bucht uns nicht, weil wir groß sind." Klingt ganz plausibel, finden Sie nicht? Mitarbeiter kann man vermutlich besser durch inhaltliche Ziele (beste Produkte, höchster Kundennutzen) motivieren, Investoren und Anleger eher durch finanzielle Ziele (Umsatz, Gewinn).

Lieber Herr Heiler, Sie haben im Jahr 2000 das von Ihnen gegründete Softwareunternehmen an die Börse gebracht. Knapp 64 Prozent der rund 11,6 Millionen Aktien befinden sich im Streubesitz. Der Aktienkurs des Heiler-Papiers liegt bei 1,17 Euro (13.3.2009) und ist dort wie festgenagelt. Der Höchststand in den vergangenen 52 Wochen lag bei 1,75 Euro. Eine Dividende zahlen Sie nicht. Aus Anlegersicht ist die Heiler-Aktie total unattraktiv. Gehe ich Recht in der Annahme, dass der Shareholder und erst recht der Shareholder Value nicht gerade im Zentrum ihres Denkens und Handelns stehen?

Auf der diesjährigen Hauptversammlung sagten Sie, dass es das erklärte und feste Ziel von Heiler Software sei, Marktführer in seinem Wettbewerbsumfeld zu werden. Bis wann Sie dieses Ziel erreichen wollen, ließen Sie offen. Aber jeder Mitarbeiter Ihres Unternehmens, betonten Sie, "will (...) unser Unternehmen als die Nummer 1 im gesamten Anbieterfeld sehen". Nun, wenn das so ist, herzlichen Glückwunsch.

Aber ist Marktführerschaft wirklich ein Ziel, oder nicht doch eher ein Ergebnis besserer Produkte, kompetenterer Mitarbeiter sowie eines höheren Kundennutzens, als die Konkurrenz dieses leistet? Oder ist die Frage einfach nur akademischer Natur und für die Praxis völlig irrelevant? Ich denke nicht. Es macht den gleichen Unterschied wie bei der Betrachtung des Shareholder Value: Ist der Shareholder Value das Ziel, werden nach einem schwachen Quartal zehn Prozent der Belegschaft gefeuert, ist Shareholder Value das Ergebnis, werden die Investitionen in Forschung und Entwicklung intensiviert.

Beste Grüße

Damian Sicking

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