Geld und Gewinn steht jedem im Sinn - aber nicht nur das
In deutschen Feuilletons und Sonntagsreden wird vor dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise plötzlich eine Phantomdebatte geführt: Im Zentrum steht das Gewinnstreben von Menschen und Unternehmen.
Lieber Accenture-Geschäftsführer Dr. Michael Junker,
die Wirtschaftskrise und ihre Ursachen waren natürlich ein großes Thema beim Expertenforum-Mittelstand in Frankfurt am Donnerstag vergangener Woche. In Ihrem Referat sagten Sie: "Wir müssen uns die Frage stellen, ob das Streben nach Profitabilität wirklich das einzige Ziel menschlichen Handelns ist." Mit Verlaub, lieber Herr Junker, wenn es eine Frage gibt, die wir uns ganz sicher nicht stellen müssen, dann ist es diese. Denn Hand auf´s Herz: Kennen Sie irgendeinen Menschen, dessen einziges Ziel darin besteht, möglichst viel Geld zu scheffeln? Ich kenne keinen. Ich glaube auch nicht, dass es so jemanden gibt. Wohlgemerkt: Wir reden hier von dem einzigen Ziel. Betrachten wir zunächst den Menschen als Privatperson: Niemand hat lediglich das eine und alleinige Ziel, möglichst viel Geld auf seinem Bankkonto zu haben und immer mehr daraus zu machen. Wir wollen darüber hinaus mindestens auch eine schöne Frau (oder einen attraktiven Mann), wohlgeratene Kinder, eine Villa mit Seeblick, gute Freunde, gesellschaftliche Anerkennung, Spaß und Unterhaltung, Gesundheit und dass Schalke 04 endlich wieder einmal Deutscher Fußballmeister wird.
Bei Firmen ist es ähnlich. Ich kenne keine Firma, die nur das eine Ziel hat, Profit zu erzielen und zu maximieren. Dazu kommen mindestens noch Umsatzwachstum, Steigerung von Marktanteilen, Expansion, ein angenehmes Betriebsklima, zufriedene Kunden und einmal in der Woche Schnitzel mit Pommes in der Firmenkantine. Gerade jetzt in der Krise ist für viele Firmen Profitabilität sogar eben nicht das Wichtigste. Wie mit mir verabredet sagte dazu gestern der Unternehmer Reinhold Würth in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: "Wir achten zuerst auf die Liquidität. Alles andere ist absolute Nebensache, selbst Profitabilität ist unwichtig. Cash is king."
Profitabilität ist unwichtig und eine absolute Nebensache? Diese Einstellung muss man sich erst einmal leisten können. Dementsprechend sehen das nicht alle so wie unser "Schraubenkönig" Würth. Der IT-Distributor Tech Data zum Beispiel sucht gegenwärtig einen "Teamleiter Profit-Team (m/w)". Ich habe noch nicht genau verstanden, was man in dieser Position macht und warum sie überhaupt nötig ist. Macht aber sicher Sinn, sonst würde das Unternehmen so jemanden ja nicht einstellen, denn der arbeitet ja schließlich nicht umsonst und schmälert also von daher zunächst einmal den Profit. Auch ein interessanter Aspekt: Wer den Profit steigern will, muss oft vorher erst einmal investieren.
Bevor jetzt alle anfangen, am Gewinnstreben herumzukritteln und Profit zu verteufeln, wollen wir an dieser Stelle mit dem Wirtschaftswissenschaftler Erich Gutenberg (1897 – 1984) doch gerne einmal daran erinnern, dass am Gewinnmachen bisher noch keine Firma zugrunde gegangen ist. Sondern immer nur am Verlustemachen. Der beste Satz zum Thema Gewinn und Gewinnstreben stammt nach meinem Geschmack vom ehemaligen Deutsche-Bank-Chef Hermann Josef Abs: "Gewinn ist so notwendig wie die Luft zum Atmen. Aber es wäre schlimm, wenn wir nur wirtschaften würden, um Gewinne zu machen, wie es schlimm wäre, wenn wir nur leben würden, um zu atmen."
Übrigens, lieber Herr Junker, Sie sind ja ein Spezialist für alles, was mit Geld zu tun hat. Dann wissen Sie sicher, was der Reingewinn eines Unternehmens ist? Falsch! Der Reingewinn ist derjenige Teil des Gesamtgewinns, den der Vorstand beim besten Willen nicht mehr vor den Aktionären verstecken kann. ;-)
Beste GrĂĽĂźe
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