"Mach dir ein paar schöne Stunden, geh zum Kunden!"
Weil die Firmen auf die Kostenbremse treten, ist die Zahl der Geschäftsreisen eingebrochen. Eigentlich eine perfekte Situation für Anbieter von Videokonferenzsystemen. Doch die jammern.
Lieber Easynet-Geschäftsführer Diethelm Siebuhr,
jetzt, in der Krise, da alle Firmen auch an Reisekosten sparen, ist die große Stunde der Anbieter von Videokonferenzsystemen. Ihnen werden die Produkte aus den Händen gerissen, sie können gar nicht so schnell liefern, wie sie müssten. Ihre Umsätze und Gewinne schießen durch die Decke. Mensch, die Krise kann so schön sein! Wie? Stimmt alles gar nicht? Das Geschäft läuft so mau wie nie in den vergangenen Jahren? Keine positiven Effekte der Wirtschaftskrise auf die verstärkte Nutzung von Videokonferenztechnik? Sie sind keine Krisengewinner?
Ihre Firma, die Easynet GmbH, Anbieter von Videokonferenzlösungen, jubelt nicht, sie klagt. Sie klagt darüber, dass Europas Firmen trotz des Kostendrucks, unter dem sie stehen, sich der Videokonferenztechnik verweigern. Lediglich sieben Prozent der Unternehmen in Europa, jammerten Sie vor einem Monat, nutzen diese "modernste Form geschäftlicher Kommunikation". Wie dumm von ihnen.
Lieber Herr Siebuhr, ich bin erstaunt und gleichzeitig amüsiert. Jahrelang haben die Anbieter von Videokonferenzen uns Journalisten mit ihren Prognosen über den unmittelbar bevorstehenden Durchbruch der Videokonferenzen genervt. Immer natürlich mit einer wohlfeilen Studie eines Marktforschungsunternehmens unterlegt. Was wir bisher immer nur vermutet haben, ist Dank Ihrer Studie nun Gewissheit geworden: Der Durchbruch läßt weiter auf sich warten. Die Frage ist: Warum nur, wo die Nutzung der Videokonferenztechnik für die Unternehmen doch so viel Vorteile hat?
Sie selbst haben versucht, ein paar Antworten darauf zu finden (unter anderem die hohen Einführungskosten sowie die fehlende persönliche Nähe in den virtuellen Meetings). Die von Ihnen genannten Gründe mögen eine Rolle spielen. Vielleicht aber ist die Antwort auf die Frage auch viel einfacher, ja banaler. Vielleicht entdecken die Firmen unter dem verschärften Kostendruck, dass zahlreiche Reisen, Meetings und Konferenzen in der Vergangenheit einfach überflüssig waren und ersatzlos gestrichen werden können. Sie, lieber Herr Siebuhr, kennen sicher auch den unter Vertriebsleuten beliebten Spruch "Mach dir ein paar schöne Stunden, geh zum Kunden." Ja, wieder mal nett zusammen eine Tasse Kaffee schlürfen und über die Ursachen der Wirtschaftskrise und die Möglichkeit zur Verbeserung des Golf-Handycaps diskutieren. Diese Form der Kundenpflege ist bei den Vorgesetzten momentan nicht so angesagt. Und dafür ein Videokonferenzsystem anschaffen . . .?
Vielleicht passt auch noch ein anderer Gedanke hierher. Viele Geschäftsleute mit Außenkontakten reisen einfach gerne. Das hat eine aktuelle Studie ergeben. Danach empfinden nur elf Prozent der Firmenangestellten, die regelmäßig geschäftlich auf Achse sein müssen, das Reisen als Belastung. Zwei Drittel der Studienteilnehmer dagegen finden das klasse, in Deutschland sogar 90 Prozent. Die Anzahl der Geschäftsreisen ist nach Angaben des Verbands Deutsches Reisemanagement e.V. (VDR) in den Jahren von 2004 bis 2008 sogar um 14 Prozent gestiegen. Allerdings ist der Verband jetzt alarmiert, weil die Reisetätigkeit in den vergangenen Monaten eingebrochen ist. Eine ganz schlimme Entwicklung, warnt der Verband, sowohl für die Unternehmen als auch für die deutsche Volkswirtschaft. Allein im Jahr 2007 habe es in Deutschland laut VDR-Untersuchungen knapp 160 Millionen Geschäftsreisen im Wert von annähernd 50 Milliarden Euro gegeben. Ein Rückgang von zehn Prozent entzöge dem Wirtschaftskreislauf rund fünf Milliarden Euro, was sich direkt auf Arbeitsplätze und lokale Nachfrage auswirken würde. "Geschäftsreisen sichern – konservativ gerechnet – weit über eine halbe Million Arbeitsplätze in Deutschland", sagt VDR-Präsident Michael Kirnberger und fordert – wie kann es anders sein – die Politik auf, unterstützend einzugreifen.
Sie sehen, lieber Herr Siebuhr, es ist alles ganz schön kompliziert. Die einen – die Anbieter von Videokonferenzsystemen – bemühen sich zu zeigen, dass Videokonferenzen in vielen Fällen viel besser sind als Geschäftsreisen, und die anderen – die Unternehmen der Reisebranche – beeilen sich, Argumente ins Feld zu führen, warum man auf keinen Fall auf Geschäftsreisen verzichten sollte. Im Moment sieht es allerdings so aus, dass keine von beiden Parteien mit ihren Argumenten wirklich überzeugen kann. Die Unternehmen reisen einfach nicht mehr. Einen Vorteil hat das Ganze dann aber doch: weniger Meetings!
Beste GrĂĽĂźe
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