Heimvernetzung: Branche muss noch dicke Bretter bohren

Auf einer Bitkom-Veranstaltung zeigte sich Microsoft-Chef Achim Berg enttäuscht darüber, dass sich beim Thema Heimvernetzung in den vergangenen Jahren so wenig getan hat. Aber wird es in den kommenden Jahren besser?

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Von
  • Damian Sicking

Lieber Bitkom-Manager Michael Schidlack,

Sie leiten bei unserem Branchenverband Bitkom den Bereich "Consumer Electronics & Digital Home" und hatten in der vergangenen Woche zum "5. Forum Consumer Electronics" in den Bayerischen Hof nach München eingeladen. Die mit mehr als 200 Interessenten gut besuchte Veranstaltung trug die Überschrift "Schlüsselfaktoren im Zukunftsmarkt Heimvernetzung". Der Grund für den großen Teilnehmerzuspruch waren sicher die interessante Agenda sowie die Anwesenheit einiger prominenter Redner wie Microsoft-Chef Achim Berg, Intel-Geschäftsführer Hannes Schwaderer und Gravis-Vormann Archibald Horlitz.

Bitkom-Manager Michael Schidlack

Dass der deutsche Microsoft-Chef ein Faible für das Thema "intelligentes Haus" hat, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Er selbst hat sich verschiedentlich als "Technik-Freak" geoutet, und es gibt am Markt kaum eine Spielerei, die er in seinem Haus nahe Bonn nicht installiert hätte. Kein Wunder daher, dass Berg sich auch unter geschäftlichen Aspekten diesem Thema verbunden fühlt und dafür die Werbetrommel rührt. Bereits Ende vergangenen Jahres hatte er von dem "technischen Megatrend" und dem potenziellen "Milliardenmarkt" Heimvernetzung geschwärmt. Allerdings hatte er schon damals Kritik daran geübt, dass entscheidende Marktteilnehmer (unter anderem der Handel) so wenig Engagement zeigen. Auch vergangene Woche in München redete er Klartext: "Es ist enttäuschend, was sich beim Thema Heimvernetzung auf Seiten der Gebäudetechniker in den vergangenen Jahren getan hat. Es hat so gut wie keine Entwicklung statt gefunden. Weder ist Heimvernetzung einfacher geworden, noch billiger."

Weiter sagte der Microsoft-Chef: "Der Verbraucher muss die Lösung bzw. die Anwendung sehen und verstehen." Zweifellos hat Berg mit dieser Forderung Recht. Doch etwas Weiteres muss dazu kommen, damit der Verbraucher auf das Thema anspringt und sein sauer verdientes Geld investiert: Er muss das, was die Industrie ihm an Anwendungen bietet, auch als nützlich empfinden. Hier war interessant, was Dr. Andreas Goerdeler vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) dazu sagte. Er referierte die Ergebnisse einer Studie, derzufolge die Verbraucher im Zusammenhang mit dem Thema Heimvernetzung vor allem Interesse an den Bereichen Energie sparen und Sicherheit haben. Dagegen spielen Komfort und Kommunikation nur eine nachgeordnete Rolle.

Diese Ergebnisse wundern mich nicht. Denn ich frage mich, ob wir in Bezug auf Unterhaltung in unseren eigenen vier Wänden auf der Bedürfnispyramide nicht bereits ziemlich weit oben angelangt sind. Sicher ist es toll, wenn man sich den ersten Teil des Spielfilms auf Pro7 im Wohnzimmer ansehen kann, sich dann zum Waschen und Zähne putzen mal eben ausklinkt und anschließend im Schlafzimmer exakt an der Stelle weiterschauen kann, wo man vorher unterbrochen hatte. Klar ist das toll, genauso wie es toll ist, einen Audi Q7 oder einen Porsche 911 zu besitzen und zu fahren. Und es gibt Menschen, die bereit sind, dafür auch Geld ausgeben. Aber wie viele sind es? Glauben Sie wirklich, dass der Großteil der Bevölkerungen der Ansicht ist, solche Anwendungen für sein Seelenheil wirklich zu benötigen? Glauben Sie nicht, dass den meisten Menschen tausend andere Dinge einfallen würden, für die sie eher ihr Geld ausgeben würden?

Unter diesem Aspekt haben deutlich größere Chancen vermutlich andere Anwendungen, die übrigens ebenfalls Microsoft-Chef Berg anhand seines eigenen Hauses skizzierte. So berichtete er, dass er sich einen Strommesser angeschafft hatte, der ihm dazu verhalf, Energiefresser zu identifizieren und entweder abzuschalten oder zu entfernen. Dadurch habe er im Jahr einen dreistelligen Eurobetrag gespart. Das ist klasse – aber ist das Heimvernetzung? Ein anderes Beispiel, das Berg anführte, war ein Alarmsystem, welches ihn während eines Urlaubs warnte, dass eine Wasserleitung im Keller geplatzt war. So konnte er schnell darauf reagieren, was ebenfalls sehr viel Geld sparte.

Interessant war auf der Bitkom-Veranstaltung auch der Vortrag von Martin Bachmayer, der ebenfalls bei Microsoft arbeitet und dort die Unterhaltungssparte ("Entertainment & Devices Division") leitet. Bachmayer sagte: "Wir sprechen in der Branche viel darĂĽber, was in 10 oder 20 Jahren sein wird, dabei haben wir schon heute unglaublich viel. Das weiĂź nur keiner. Wir sollten erst mal versuchen, das an den Mann zu bringen, was heute schon da ist". Gut gesagt. Doch ich wiederhole mich gerne: Was, wenn das, was heute da, die meisten gar nicht haben wollen? Bachmayer sagte, dass 15 Millionen Deutsche im Alter zwischen 50 und 64 Jahren "noch" keinen PC haben und forderte den Handel dazu auf, diesen armen Menschen zu helfen. Prima Idee, aber kann es vielleicht sein, dass diese Menschen gar keinen PC wollen? NatĂĽrlich handelt es sich bei ihnen um eine aussterbende Spezies, aber ich finde es absolut okay, sie in Ruhe aussterben zu lassen.

Der Vertreter des Handels, Gravis-Chef Archibald Horlitz, ließ die Kritik der Hersteller an sich abperlen und konterte. "Die Kluft zwischen dem, was die Industrie bietet, und dem, was der Kunde versteht, wird immer größer", sagte er. Es sei der falsche Weg, neue Entwicklungen auf den Markt zu werfen und zu erwarten, dass Handel und Anwender schon damit klar kommen und sich das erforderliche Know-how selbst aneignen. "Wir brauchen im Handel eine permanente, von den Herstellern geforderte und geförderte Weiterbildung. Der qualifizierte Vertrieb kommt nicht von allein", sagte Horlitz. Gravis hat zusammen mit der Telekom ein Pilotprojekt aufgesetzt ("gravis@home"), in dem jeweils eine "Doppelstreife" (Horlitz), bestehend aus einem Telekom- und einem Gravis-Mitarbeiter, PCs und das ganze Drum und Dran beim Kunden installieren. Die Nachfrage sei noch verhalten.

Lieber Herr Schidlack, was sind nun die "Schlüsselfaktoren im Zukunftsmarkt Heimvernetzung"? Die Frage ist aus der Sicht des Marktes und des Verbrauchers recht einfach zu beantworten: Nutzen und Einfachheit. Was den Nutzen betrifft, so haben wir die "Killerapplikation" noch nicht gefunden. Vielleicht gibt es sie auch gar nicht. Die eigenen Fotos auf dem Fernseher anschauen – fein, aber seien wir ehrlich: wenn das alles ist... Die relative Enttäuschung auf Seiten der IT-Hersteller über eine schleppende Nachfrageentwicklung ist verständlich, hat aber ihren Grund: Was die IT- und CE-Branche im Bereich Heimvernetzung heute anbietet, geht fast ausschließlich in den Bereich Komfort und Kommunikation. Für den Nutzer sind aber Aspekte wie Energie sparen und Sicherheit wichtiger. Und was die Einfachheit betrifft, die Bedienerfreundlichkeit, da sind wir noch ewig weit vom Ziel entfernt.

Wenn Sie also vom "Zukunftsmarkt" Heimvernetzung sprechen, dann hat das seine gute Berechtigung. Wann diese Zukunft Realität wird, das bestimmen vor allem die Hersteller, indem sie Anwendungen entwickeln und anbieten, die der Verbraucher als nützlich empfindet und mit denen er umgehen kann. Der Eindruck, den ich von Ihrer Münchener Veranstaltung mitgenommen habe, ist der, dass die Branche bis dahin noch ganz schön dicke Bretter bohren muss.

Beste GrĂĽĂźe

Damian Sicking

Und hier die Antwort von Bitkom-Manager Michael Schidlack

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