Online-Service Hunch.com: Kleine Hilfe für große Entscheidungen (oder umgekehrt?)

Mit der Bilddatenbank Flickr ist ihre Gründerin Caterina Fake bekannt und reich geworden. Jetzt hat sie einen neuen Coup gelandet: Einen Online-Dienst, der uns bei der Last der Entscheidungen helfen soll.

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Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Damian Sicking

Internet-Unternehmerin Caterina Fake

(Bild: Hunch.com)

Liebe Flickr- und Hunch-Gründerin Caterina Fake,

was unser Leben auch so schwer macht ist, dass es ganz wesentlich aus Entscheidungen besteht. Von morgens bis abends müssen wir Entscheidungen treffen, angefangen von "Aufstehen oder noch fünf Minuten liegen bleiben?" nach dem Weckerklingeln über "Salat oder Schnitzel mit Pommes?" mittags in der Kantine bis hin zu "Biergarten oder Fitnesstudio?" am Feierabend. Von den großen Fragen wie "Heiraten oder doch lieber ins Kloster?" und "Merkel oder Steinmeier?" ganz zu schweigen. Bei den Managern ist es ganz schlimm. Hier gehört das Entscheiden sogar zum Berufsbild. Dem Managementberater Fredmund Malik zufolge ist "Entscheidungen treffen" sogar eine der fünf Hauptaufgaben eines Managers. Die anderen vier sind "Für Ziele sorgen", "Organisieren", "Menschen entwickeln und fördern" sowie "Kontrollieren" (mehr dazu in Maliks Buch "Führen, Leisten, Leben").

Wenn man einen Manager mal so richtig verletzen will, dann muss man ihm nur sagen, er sei entscheidungsschwach. Das ist so ziemlich das Grausamste, was man ihm antun kann. Auch wenn´s stimmt. Und sogar auch, wenn der Manager tief in seinem Inneren weiß, dass es stimmt. Aber ein Manager hat einfach nicht entscheidungsschwach zu sein. Sondern im Gegenteil entscheidungsfreudig. Entscheidungsschwäche gilt als gleichbedeutend für ängstlich, inkompetent oder orientierungslos. Deshalb sagt man ja unter Managern auch, dass es besser sei, eine falsche Entscheidung zu treffen als gar keine. Klingt komisch, ist aber so. Egal ob falsche oder richtige Entscheidung, eine blöde Nebenfolge des Zwangs, sich zu entscheiden, besteht darin, dass Entscheidungen müde machen. Das hat eine wissenschaftliche Studie im vergangenen Jahr ganz eindeutig bewiesen.

Aber wir wollen nicht jammern, sondern konstruktiv mit dieser Herausforderung umgehen. Also, was kann man tun? Zwei Dinge: 1. Die Zahl der zu treffenden Entscheidungen reduzieren (z. B. immer das weiße Hemd mit der roten Krawatte zum anthrazitfarbigen Anzug mit den schwarzen Schuhen); oder jetzt ganz neu und toll 2. schnell auf die neue Internetseite Hunch.com gehen und sich helfen lassen.

Liebe Frau Fake, Sie sind bekannt geworden als (Mit-)Begründerin der Bilddatenbank Flickr, die Sie vor vier Jahren an Yahoo verkauften. Im Frühjahr dieses Jahres gingen Sie mit Ihrer neuen Seite Hunch online. Hunch will Menschen dabei helfen, Entscheidungen zu treffen. Angesichts der Tatsache, wie schwer wir uns manchmal tun, selbst relativ triviale Entscheidungen zu treffen, ein sehr ambitioniertes Unterfangen. Aber im Erfolgsfall auch ein sehr tolles Unterfangen.

Natürlich war ich neugierig und wollte die Entscheidungshilfefunktion von Hunch selbst ausprobieren. Leider gibt es die Seite bisher nur auf Englisch, aber auch wenn man nicht der Klassenprimus im Englischunterricht war, kommt man ganz gut durch. Zunächst stellt Hunch ein paar Fragen (eigentlich BESTEHT Hunch aus nichts anderem als aus Fragen!) wie zum Beispiel, welche Art von Pommes Frites man am liebsten isst, ob man auf dem Land oder in der Stadt wohnt, ob man gerne Autoscooter fährt, welche Art von Kunst man bevorzugt (abstrakt, real etc.) oder ob man gerne im Regen singt oder eher nicht. Leider erfährt man nicht, warum einem diese Fragen gestellt werden. Einem Zeitungsartikel konnte ich aber entnehmen, dies sei wichtig für die späteren Entscheidungshilfen, die auf psychologischen Schemata sowie den Resultaten von Nutzern mit ähnlichen Profilen basieren.

Naja, ich machte jedenfalls die Probe aufs Exempel und stellte die Frage, welches neue Auto ich mir kaufen sollte. Hunch stellte mir daraufhin mehr als ein Dutzend Fragen zu meinem neuen Auto, angefangen von "Wie viel wollen Sie dafür ausgeben?" über "Welche Karosserieform soll´s denn sein?" (SUV, Cabrio, Limousine, Kombi etc.), "Soll das neue Auto eher sportlich oder eher bequem sein?", "Wie wichtig ist Ihnen der Benzinverbrauch?" oder "Wie wichtig ist Ihnen das Design?" Am Ende erhielt ich den Vorschlag, mir einen Honda Insight zu kaufen. Für den Fall, dass ich aus irgendwelchen Gründen keinen Honda will (Allergie?), bot Hunch mir auch ein paar Alternativen wie Toyota Prius, Mazda 3 und VW Golf an.

Ich muss sagen, liebe Frau Fake, ich fand diesen Weg zur Entscheidungsfindung wirklich hilfreich. Denn er machte mir auf strukturierte Weise klar, was mir in Sachen Auto wichtig ist. Zudem macht dieses Frage-Antwort-Spiel auch noch Spaß, und es geht recht schnell. Im Ernstfall, also wenn ich wirklich vor der Frage einer Autoanschaffung gestanden hätte, wäre ich sogar bereit gewesen, für diesen Service zu zahlen.

Dies ist allerdings ein Punkt, der mir in Ihrem Businessmodell nicht ganz klar ist. Die Nutzung ist ja kostenfrei, Geld verdienen wollen Sie über Werbung und die Lizenzierung des Frage-Antwort-Spiels. Ich würde Ihnen sehr wünschen, dass diese Rechnung aufgeht. Allerdings halte ich es gerade bei Fragen in der Art wie "Welches Produkt soll ich mir kaufen" für absolut erfolgskritisch, dass auch nicht der Hauch einer möglichen Beeinflussung der Ergebnisse durch zahlende Werbekunden besteht.

Die Idee jedenfalls zu Hunch ist klasse, und ich würde mich freuen, wenn es den Service bald auch in deutscher Sprache gibt. So, und jetzt gehe ich noch einmal auf die Seite und erkundige mich, wo ich meinen nächsten Urlaub verbringen soll.

Beste Grüße

Damian Sicking

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