Wenn "Mister Dax" Dirk MĂĽller einen Regenschirm braucht

Dass das Wetter einen erheblichen Einfluss auf das Wirtschaftsleben hat, haben wir an dieser Stelle bereits festgestellt. Jetzt dringen Forschungsergebnisse aus den USA zu uns, dass selbst die Aktienkurse "wetterfĂĽhlig" sind.

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Von
  • Damian Sicking

Deutschlands bekannester Aktienhändler Dirk Müller

(Bild: Müller)

Lieber "Mister Dax" Dirk MĂĽller,

kommen wir noch einmal zu einem meiner Lieblingsthemen: zum Wetter. Genauer gesagt zur Beziehung zwischen Wetter und Wirtschaftsleben. Ich hatte vor kurzem an dieser Stelle ja schon allerhand Interessantes und Lesenswertes zu diesem Thema geschrieben. Ich will hier nicht alles wiederholen, nur zwei Dinge: Vier Fünftel aller Wirtschaftsaktivitäten auf der Welt sollen vom Wetter beeinflusst sein. Und: Mindestens jeder Dritte Deutsche reagiert auf Wetterreize, Frauen tendenziell stärker als Männer.

So, und jetzt kommt´s: Neuere Forschungsarbeiten zeigen, dass sogar Aktien wetterfühlig sind. Ja, im Ernst, das war gerade in der Süddeutschen Zeitung zu lesen. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Edward Saunders hat sich den Kursverlauf der Aktien an der New York Stock Exchange angesehen und mit den Wetterdaten verglichen, und siehe da: Bei schlechtem Wetter gehen die Aktienkurse in den Keller oder steigen nur mäßig, bei Sonnenschein klettern sie nach oben. Es besteht hier, so der Wissenschaftler, ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen Wetter und Kursverlauf. Andere Forscher, die ähnliche Studien an anderen Börsen durchgeführt haben, bestätigen diese Ergebnisse. Auch in Deutschland, wo Prof. Dirk Schierek von der TU Darmstadt an der Börse Frankfurt vergleichbare Ergebnisse erzielt hat.

Eine Erklärung für dieses Phänomen ist nicht wirklich schwierig. Das Wetter hat bekanntlich außerordentliche Auswirkungen auf unsere Stimmung. Bei Sonnenschein sind wir meistens gut drauf und blicken zuversichtlich in die Zukunft. Bei grauem Himmel und Nieselregen bekommen wir Depressionen. Und diese Launen schlagen sich auch in unserer Risikoneigung und damit in den Aktiennotierungen nieder, wie Bankenprofessor Schierek erläutert. Davon sind auch professionelle Börsenbroker nicht ausgenommen. "Aktienhändler sind keine gefühllosen Wesen", sagt Schierek. Haha, hat ja auch nie jemand behauptet, gell? Gier ist ja auch irgendwie ein Gefühl, und zwar ein sehr starkes. Dass es an unseren Börsenhäusern nicht rein rational zugeht, konnten wir im vergangenen Jahr erfahren. Damals hatten Forscher die Beziehung zwischen dem männlichen Sexualhormon Testosteron und der Risikoneigung von Investmentbankern untersucht. Je höher der Testosteronspiegel der Banker, so die Erkenntnis der Wissenschaftler, desto aggressiver gingen sie in ihren Jobs zu Werke und desto größer waren die Gewinne, die sie am Ende des Tages erzielt hatten. Und das Testosteron wird bekanntlich nicht im männlichen Schädel (Verstand) produziert, sondern erheblich weiter südlich.

Zurück zum Einfluss des Wetters auf die Aktienkurse. Gegen die Ergebnissen aus New York läßt sich natürlich einwenden, dass viele Anleger zum Beispiel gar nicht in der verregneten Ostküstenmetropole, sondern im sonnigen Kalifornien sitzen. Auf diesen berechtigten Einwand haben die Wissenschaftler eine Antwort gefunden. Sie untersuchten das Verhältnis der so genannten "Geld-Brief-Spanne" und dem Wetter. Als "Geld-Brief-Spanne" bezeichnet man die Differenz zwischen dem Preis für den Ankauf einer Aktie und dem Verkaufspreis. Diese Spanne wird von den Börsenmaklern festgelegt, womit wir dann doch wieder in New York sind. Hier gilt: Je niedriger die Spanne, desto einheitlicher die Einschätzung der Marktteilnehmer hinsichtlich des Wertes eines Wertpapiers, und je größer die Spanne, desto wahrscheinlicher sind Verluste für die Anleger. Auch hier fanden die Wissenschaftler wieder eine erstaunliche Korrelation heraus: Je schlechter das Wetter in New York, desto breiter die Geld-Brief-Spanne. Bei miesem Wetter, so die Erklärung, sind die Börsenmakler nicht so risikofreudig und ziehen Kauf- und Verkaufskurse auseinander. Das senkt das Risiko und kostet die Anleger Rendite.

Lieber Herr Müller, Sie gelten als Deutschlands bekanntester Aktienhändler, haben ein viel beachtetes Buch mit dem Titel "Crashcurs" auf den Markt gebracht und betreiben eine eigene Website zum Thema. Mit anderen Worten: Sie sind Experte. Würde mich mal interessieren, ob Sie die Ergebnisse der Wissenschaft bestätigen können.

Für mich steht außer Frage, dass das Wetter die Wirtschaft beeinflusst. Nicht nur direkt, sondern auch indirekt über die Stimmungen, die das Wetter bei uns auslöst. Die meisten von uns sind bei schönem Wetter gut gelaunt, optimistisch und leistungsfähig, schlechtes Wetter dagegen schlägt uns aufs Gemüt. Allerdings: Das Wetter ist ja nie "an sich" gut oder schlecht, sondern wir machen es erst dazu ("Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur unpassende Kleidung"). An dieser Stelle daher mal eine kleine Ehrenrettung des Regens. Studien haben ergeben, dass Regenwetter den Verstand schärft. Wie die "Apotheken Umschau" berichtet, erinnerten sich Teilnehmer einer Studie bei Regen an dreimal so viele Gegenstände in einem Geschäft, das sie gerade besucht hatten, wie bei Sonnenschein. Aus der Sicht des Händlers wäre es freilich noch besser, wenn sie auch dreimal so viel Gegenstände kaufen würden. Darüber ist aber nichts bekannt.

Beste GrĂĽĂźe

Damian Sicking

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