"Wir müssen Mehrwert liefern"
Hideo Kataoka, "DVD-Papst" und führender HD-DVD-Entwickler, spricht im Interview mit Technology Review über neue, hochauflösende Aufnahmetechnologien.
- Martin Kölling
Japans Technikfreaks verehren Hideo Kataoka als den "Gott der DVD". Nun hat Toshibas Entwickler, der unter anderem für das Next-Generation-DVD-Format HD-DVD verantwortlich zeichnet, sich einen Traum erfüllt und der DVD neues Leben eingehaucht. Toshiba bringt in Japan den ersten Festplatten-HD-DVD-Recorder heraus, der Spielfilme in hoher Auflösung auch auf herkömmlichen DVDs schreiben kann. "HD Rec" nennt Toshiba das Feature.
Konkurrent Panasonic kontert mit einem Recorder für die konkurrierende Blu-ray-Disk, der ähnlich, wenn auch ein bisschen anders als Toshiba normale DVDs beschreiben kann. Technology Review sprach mit Kataoka über die Aussichten der DVD, den Format-Krieg mit dem Bluray-Lager und die neuen Geschäftsmodelle, mit der er dank HD-DVD die Welt beglücken will.
Technology Review: Herr Kataoka, die neue HD-Rec-Funktion erscheint wie eine Wiederauferstehung der DVD. Sie waren von Anfang an bei der DVD dabei. Sind sie glücklich über die Entwicklung?
Hideo Kataoka: Aber ja doch. Ich bin heute in einer ähnlichen Situation wie zu Beginn der DVD, ich bin eine Art Prediger der ersten Stunde. Damals war mein Job, die Inhalteproduzenten für das Geschäft mit DVD-Inhalten und DVD-Authoring zu interessieren. Nun ermutige ich die Leute in Unternehmen und der Industrie, HD Rec im Rahmen des DVD-Forums durchzusetzen.
Übrigens ist die Idee, hochauflösende Inhalte auf eine DVD zu schreiben, nicht neu. Ich war schon beim Start der Entwicklung der Next-Generation-DVD davon überzeugt, dass wir diese Fähigkeit brauchen. Ich habe damals unsere Jungs gebeten, die Spezifikationen so schnell wie möglich zu entwickeln.
TR: Warum hat es solange gedauert?
Kataoka: Wir brauchten lange, um die Zusammenarbeit zwischen den Diskherstellern und den Inhalteanbietern im DVD-Forum aufzubauen und die Kopierschutzrichtlinien festzulegen. Außerdem mussten wir immer auf die andere Seite, die Vertreter des konkurrierenden Blu-ray-Lagers, Rücksicht nehmen. Es ist irgendwie komisch, dass Konzerne wie Sony und Panasonic auch am DVD-Forum und den Diskussionen teilnehmen, aber gleichzeitig die Blu-ray-Vereinigung mit den gleichen Unternehmen besteht.
TR: Sie sind nun beileibe nicht allein mit der Idee, die DVD für HD-Inhalte zu nutzen. Panasonic führt eine ähnliche Technologie ein, mit der man DVDs in einem Blu-ray-Recorder bespielen kann.
Kataoka: Das Blu-ray-Camp nutzt dabei teilweise den gleichen Ansatz, der im DVD-Forum entwickelt wurde. Mit der Technologie wandeln wir die derzeitigen DVDs mit ihrem CPRM-Kopierschutzmechanismus in den AACS-Mechanismus der Next-Generation-Disks um. Diese Fähigkeit ist notwendig, weil wir ohne diese Fähigkeit AACS- und CPRM-kompatible Disks auf den Markt bringen müssten. Das Angebot von zwei unterschiedlichen DVDs würde allerdings die Verbraucher und den Einzelhandel verwirren. Außerdem benutzt das BD-Lager teilweise die gleichen Kodierungsverfahren.
TR: Worin liegen dann die Unterschiede?
Kataoka: Der Unterschied ist, wie die Daten auf die Scheibe geschrieben werden. Wir können drei Kodierungsverfahren, darunter das für die bisherigen DVDs, handhaben, die Blu-ray-Disc-Gruppe nur eines. Gemein haben beide das AVC-Verfahren, dass digitale Fernsehprogramme mit dem H.264-Kompressionsverfahren auf die Hälfte der Größe komprimiert wie das bisherige MPEG2-Verfahren.
Wir bieten darüber hinaus allerdings zwei andere Möglichkeiten, die auch bisher im Einsatz sind. Das eine ist der TS-Standard für terrestrisch und über Satelliten ausgestrahltes Fernsehen, und das DVD-VR-Format für analoges Fernsehen, Kabel-TV, VHS- und DV-Bänder. Damit hat der Kunde Freiheit und eine Abwärtskompatibilität. Panasonic unterstützt diese Formate nicht, obwohl die Programme auf der Festplatte in diesen Formaten gespeichert werden.
TR: Aber bei Panasonic kann man von der Festplatte die Inhalte im AVC-Verfahren auf DVDs brennen.
Kataoka: Panasonics AVC-Rec unterstützt weder das Format für digitales Broadcasting noch das für die alte DVD, obwohl auf der Festplatte des Recorders diese Formate gespeichert sind. Panasonics Kunden müssen daher die Scheibe wechseln, wenn sie Programme in unterschiedlichen Formaten auf einer DVD speichern wollen. Der andere Weg ist, eine Datei als AVC wieder aufzunehmen, aber das braucht Zeit. Denn es handelt sich nicht um eine Dateikopie. Um einen zweistündigen Spielfilm zu transkodieren, benötigt man zwei Stunden. Und das Transkodieren reduziert die Qualität.
TR: Warum meinen Sie, dass HD Rec wichtig ist?
Kataoka: HD Rec stellt einen Paradigmenwechsel im Wettbewerb dar. Künftig werden die Kunden nicht mehr so sehr nach Marken fragen oder ob es sich um eine Blu-ray-Disk mit bis zu 50 GByte Aufnahmekapazität oder eine HD-DVD mit bis zu 30 GByte Speichergröße handelt. Die Leute werden fragen: Kann ich mit dem Gerät HD-Inhalte auf eine normale DVD brennen? Der Grund: Die Normalverbraucher wollen meines Erachtens nach eine preiswerte Lösung, um ihre HD-Inhalte dauerhaft zu speichern. Sie wollen dafür nicht wie bisher 1000 Yen oder mehr für eine HD-DVD oder eine Blu-ray-Disk ausgeben, sondern meiner Meinung nach nur zwischen 200 bis 300 Yen für ein zweistündiges Video. Selbst die preiswertesten HD-DVDs in Tokios Technikstadtteil Akihabara kosten 500 bis 600 Yen.
Und die nächste Stufe des Wettbewerbs wird sein, wie viele Kodierungsverfahren ein Produkt unterstützt. Beim Speichern auf die Harddisk unterstützen alle Unternehmen alle Formate. Aber sie wollen vielleicht die gebrannten DVDs Freunden schenken, die nicht über neue Player oder Recorder verfügen, oder die ursprüngliche Sendequalität aufnehmen. Aber Blu-ray verlangt vom Kunden, eine andere DVD oder Blu-ray-Disk einzulegen, entsprechend den unterschiedlichen Kodierungsverfahren. Das könnte Kunden verwirren, weil die Daten ja im ursprünglichen Format auf der Festplatte gespeichert sind.
TR: Machen Sie sich mit dem Aufbohren der DVD nicht die Next-Generation-DVD kaputt?
Kataoka: Es ist ernster für das Blu-ray-Lager. Wenn HD Rec abhebt, steht das Blu-ray-Camp vor der Herausforderung, wie sie die Kosten für die Scheiben weiter senken können.
TR: Das HD-DVD-Lager behauptet, dass die Herstellung der Blu-ray-Disc teurer ist, weil dafür ganz neue Produktionslinien eingerichtet werden müssen.
Kataoka: Richtig. Wenn sie mehr Blu-ray-Disks verkaufen können, können sie natürlich den Preis senken. Aber falls sich die DVD als Speichermedium für HD-Inhalte ausdehnt, wird es schwer, das notwendige Produktionsvolumen für deutliche Preissenkungen zu erreichen.
TR: Und Sie?
Kataoka: Unsere Technologie unterscheidet sich. Die HD-DVD ist der DVD sehr ähnlich und kann daher einfacher auf schon bestehenden DVD-Produktionslinien hergestellt werden. Die Scheibenhersteller können daher einfach zwischen DVDs und HD-DVDs hin und her wechseln, dadurch flexibler auf die Nachfrage reagieren und die Lagerhaltung reduzieren. Und weil sie ähnlich wie die DVD sind, können die Hersteller sie auch billiger herstellen.
TR: So weit so gut. Aber warum hat die Industrie dann diesen Format überhaupt begonnen, obwohl es möglich ist, HD-Inhalte auf DVDs zu brennen? Soweit ich mich erinnere, war ein Argument für die Einführung der nächsten DVD-Generation, dass die DVD keinesfalls ausreicht.
Kataoka: Zu Beginn der Entwicklung wurde bereits über das H.264-Kompressionsverfahren diskutiert. Aber die Unternehmen dachten, dass dies nur eine Option sei, um längere Aufnahmezeiten zu gewährleisten. Außerdem war die Technologie noch nicht für den Masseneinsatz fertig entwickelt, während gleichzeitig in Japan die Ausstrahlung von HD-TV begann.
Der Markt wollte daher etwas haben, um Inhalte in höherer Auflösung aufnehmen zu können. Wäre H.264 damals einsatzfähig gewesen, hätte die Geschichte vielleicht anders ausgesehen. Aber auch wenn das so gewesen wäre, die Elektronikhersteller wollten mit einer neuen Technik wieder einen neuen großen Markt schaffen. Und letztlich brauchen wir beides, weil man auf einer herkömmlichen, mit einem gröberen roten Laser beschreibbaren Scheibe nur maximal 40 Minuten digitalen HD-TVs in der besten Qualität des TS-Formats aufnehmen kann.
TR: Bisher hat sich der Formatkrieg allerdings ausgewirkt wie befürchtet. Kein Format ist wirklich erfolgreich. Der Markt wächst nur langsam, erst ab 2010 wird ein "Abheben" erwartet.
Kataoka: Der Formatkrieg hat die Entwicklung vielleicht etwas verlangsamt, aber sie wäre ohnehin langsamer verlaufen als beim Wechsel von Videobändern zur DVD. Zwar verändert sich diesmal sogar die Sendemethode von Standard- auf hohe Auflösung. Aber der Unterschied zwischen den Verbesserungen und Qualitätsgewinnen für die Kunden ist viel kleiner. Beim Wechsel von Bändern zur DVD konnten die Kunden den Nutzen leicht erkennen.
DVDs war ein Sprung von analog zu digital, es war schneller, einfacher zu handhaben, benötigte weniger Platz, eignete sich besser als langfristiges Speichermedium und bot bessere Qualität. Aber beim heutigen Sprung handelt es sich für die Menschen nur um eine gleichgroße Scheibe mit mehr Speicherplatz. Der Vorteil ist verglichen mit dem letzten Sprung geringer. Außerdem wollen die Menschen für mehr Qualität nicht mehr zahlen. Selbst hier in Japan warten sie, bis die hohen Preise für die Hardware und die Scheiben sinken. Nun senken wir immerhin die Preise für das Aufnahmemedium.
TR: Werden Sie HD Rec in Übersee einführen?
Kataoka: Noch nicht. Wir verkaufen sogar unsere bisherigen Festplatten-HD-DVD-Recorder nur in Japan, weil die anderen Regionen stärker Player nachfragen. Denn digital macht alles schwierig. In der analogen Ära wurde auf Bänder gespeichert und die Software-Ingenieure kümmerten sich nicht groß um die Daten. Außerdem waren keine komplizierten Kopierschutzmechanismen inbegriffen.
Aber beim digitalen TV hat jedes Land seinen eigenen Standard, unterschiedliche Kopierschutzbestimmungen und andere Formate für die elektronischen Programmführer. Die Beherrschung dieser Faktoren fällt selbst in Japan nicht leicht. Hier haben wir zwar einen Standard, aber in der Realität haben die Sender einige Punkte wie das Timing zum Zurückstellen der Stream-Uhr auf Null unterschiedlich umgesetzt. Da hilft nur vor Ort testen. Und dann gibt es viel ausgedehntere Benutzeroberflächen. Wenn wir jetzt in die USA und Europa gehen würden, bräuchten wir viel mehr Ingenieure – das treibt uns zum Wahnsinn.
TR: Wie lang werden Sie denn noch brauchen, um Recorder für andere Märkte herzustellen?
Kataoka: Ich denke, es wird von der Situation in jedem Markt und der jeweiligen Nachfrage abhängen. Dennoch denke ich, dass ein anderes Feature die HD-DVD gerade für Europa interessant macht, weil es speziell für kleinere Unternehmen ein neues Geschäftsmodell ermöglicht: Denn die neue HD-DVD stellt nicht nur einen Sprung in der Qualität dar. Ein wichtiger Punkt ist die nahtlose Verbindung zum Internetgeschäft.
TR: Und das wäre?
Kataoka: HDi, "High Definition interactive". Diese Technologie wird unterstützt durch Microsoft und Inhalteanbieter. Das Advanced Interactivity Consortium ist ebenfalls auf dem Wege der Gründung. Bisher sind die Inhalte auf der Scheibe und dem Internet getrennt. Mit HDi machen wir die Next-Generation-DVD zum Internetportal. Es gibt zum Beispiel ein Menü wie bei der DVD, doch plötzlich ist ein neuer Knopf da, der bis dahin nicht dort war.
Nächsten Monat leuchtet vielleicht ein anderer Knopf auf. Mit der Fernbedienung kann man den einfach anklicken und wird dann zum Beispiel mit einem Laden verbinden, wo es Produkte der Musikgruppe zu kaufen gibt oder Interviews zum Angucken. Oder Kunden können die Farbe eines Autos in einem Video ändern. Oder die Kunden können andere Untertitel für einen Spielfilm herunterladen, die dann auf einem permanenten Speicher des Players gelagert werden.
Eine andere Idee ist, das man eine Scheibe für Werbekampagnen verwendet. Im Extremfall ist vielleicht nur ein Link zum Internet auf dem Silberling gespeichert. Die Kunden können die Scheibe einfach einlegen und im Wohnzimmer die Internetseite des Unternehmens besuchen und einkaufen, ohne einen Browser zu öffen und die Webadresse einzugeben.
TR: Warum soll dies ausgerechnet für europäische Unternehmen interessant sein?
Kataoka: So eine Scheibe könnte ein preiswertes Marketinginstrument für kleine Firmen sein, die nicht über so große Werbebudgets wie Hollywood-Studios verfügen. Auch für kleine Bands könnte es interessant sein, die nur wenige hundert Scheiben verkaufen. Denn sie bleiben so in Kontakt mit den Kunden und können auf Nachfolgekäufe hoffen.
Es gibt viele neue Möglichkeiten. Einige davon sind meine Ideen von vor zehn Jahren, aber es spiegelt auch die Nachfrage der großen Filmstudios nach neuen Wegen der Vermarktung wider. Im Unterschied zu Blu-ray, die das alles nur als eine Option durch die Ergänzung einer Java-Funktionalität ansehen, um reichere Menüs mit optionaler Netzwerkverbindung für die Hardware zu schaffen, zielen wir speziell auf diesen Markt.
TR: Allerdings kommen immer mehr Internetportale auf, die Video-on-Demand auch für HD-Spielfilme anbieten. Machen diese Angebote die Next-Generation-DVD nicht obsolet?
Kataoka: On-Demand ist nur ein Weg, zu leben. Wenn Sie sich zum Beispiel für bestimmte seltene Bands oder Programme interessieren, die nur einmal ausgestrahlt werden, wollen sie natürlich eine Speichermöglichkeit.
TR: Und wer gewinnt jetzt, Bluray oder HD-DVD? Derzeit sieht es nicht so aus, als ob es einen Gewinner gäbe.
Kataoka: In Japan ist der Wettlauf noch unentschieden. Denn reine Next-Generation-Player verkaufen sich nicht so gut, wir haben es versucht. Und der Markt für Next-Generation-Recorder ist noch klein, weil die Kunden noch warten, zum Beispiel auf Recorder, die die neuen japanischen Kopierschutzbestimmungen unterstützen, nach denen von einer gespeicherten Kopie neun weitere Kopien gezogen werden dürfen.
Der neue Standard wurde in der neuen Gerätegeneration eingebaut. In Europa unterstützen 75 Prozent der Inhalteanbieter die HD-DVD. Und es soll 3- bis 4-mal mehr Titel für die HD-DVD geben als für die Blu-ray Disc. Aber wir glauben, dass die Möglichkeiten die Unternehmen freuen wird, weil sie nun nicht mehr nur fest geschnürte Inhalte verkaufen können, sondern mehr Möglichkeiten haben. Es ist ein Paradigmenwechsel in den Geschäftsmodellen.
TR: Bisher weiß nur niemand von HDi.
Kataoka: Ich werde bald eine Webseite starten, natürlich mit Genehmigung von Toshiba. Auf ihr werde ich die neuen Möglichkeiten erklären und Ideen liefern, wie man die neuen Möglichkeiten nutzen kann. Ich will dort zeigen, wie sich der Markt verändern wird. Ich sehe dies als meine Pflicht an.
TR: Werden Sie das nur auf Japanisch tun?
Kataoka: Nein, auch auf Englisch, Französisch und Deutsch.
TR: Nicht auf Chinesisch?
Kataoka: Wegen meiner eingeschränkten Ressourcen werde ich mit den Gebieten starten, in denen HD-DVDs auch angeboten werden. (bsc)