Wahlkampfthema Biotreibstoffe
Die amerikanischen Vorwahlen rücken näher – und die meisten US-Präsidentschaftskandidaten setzen auf einen deutlichen Ausbau der Ethanol-Produktion. Dabei sind längst nicht alle Probleme der naturnahen Energieform aus dem Weg geräumt.
- Kevin Bullis
Im Januar ist es so weit: Dann beginnt mit dem so genannten Caucus im US-Bundesstaat Iowa der Reigen der Vorwahlen, mit denen die Präsidentschaftskandidaten der Demokraten und der Republikaner bestimmt werden. Die meisten der Bewerber setzten auf eine Energiepolitik, die für eine stärkere Nutzung von Biotreibstoffen plädiert. Den Menschen in Iowa kann das nur gefallen: Der Bundesstaat produziert mit gut einem Drittel allen Ethanols der Vereinigten Staaten mehr als jeder andere. Allerdings sind längst nicht alle Probleme mit der Technik, bei der derzeit noch vor allem aus Mais Kraftstoff entsteht, ausgeräumt. Die stärkere Verwendung könnte Kritikern zufolge zu höheren Treibstoff- und Nahrungsmittelpreisen führen, ohne dass tatsächlich viel Klimagas eingespart wird. Und auch die Frage, ob sich so die Abhängigkeit vom Öl aus dem Nahen Osten kappen lässt, bleibt unbeantwortet.
Obwohl die führenden Kandidaten beider Parteien Ethanol unterstützten, existieren bislang nur auf demokratischer Seite detaillierte Energiepläne. Darin steht erstaunlich klar, dass bis 2030 rund 227 Milliarden Liter Ethanol pro Jahr produziert werden sollen. Aktuell sind es gerade einmal 24 Milliarden. Barack Obama will bereits 2022 rund 136 Milliarden Liter erreicht haben, Hillary Clinton sieht das sehr ähnlich. Noch ambitionierter ist John Edwards, der bereits 2025 gut 246 Milliarden Liter erhofft.
Obwohl diese Forderungen deutlich über den aktuellen Regierungsvorgaben von 28 Milliarden Litern bis 2012 liegen, bewegen sie sich doch im Rahmen bereits bekannter Vorschläge aus US-Kongress und aktueller Bush-Administration. Ein Gesetz, das derzeit im Kongress debattiert wird, fordert wie Clinton und Obama 136 Milliarden Liter bis 2022. Der Präsident hofft auf einen ähnlichen Wert (allerdings erneuerbare und alternative Treibstoffe zusammengenommen) bis 2017.
Um diese Ziele zu erreichen, müssen neue Quellen für Ethanol erschlossen werden – Mais reicht nicht mehr. Dieser Rohstoff reduziere zudem den CO2-Ausstoß kaum, wie John Reilly, stellvertretender Forschungsdirektor am "Joint Program on the Science and Policy of Global Change" des MIT, sagt. Es sei sehr viel Energie notwendig, um den Mais anzubauen und ihn dann zu einem Biotreibstoff umzuwandeln. Im Endergebnis spare Mais-Ethanol nur 15 bis 20 Prozent jenes CO2 ein, das beim Verbrennen von normalem Benzin entstünde, meint Reilly.
Folgerichtig plädieren die Pläne der Präsidentschaftskandidaten für den Übergang zu stark zellulosehaltiger Biomasse als Ausgangsprodukt – etwa Holzchips oder Dauergräser. Obama würde auch Bundesmittel aufwenden wollen, um die Produktion von Ethanol aus Nicht-Mais-Quellen anzukurbeln. Sein Ziel: Bis 2013 sollen so mindestens 7,5 Milliarden Liter im Jahr hergestellt werden. Damit das funktioniert, würde wesentlich mehr Geld für Forschung und Entwicklung benötigt. Die Herstellung ist komplexer und deshalb teurer als die Herstellung aus Mais. Aus diesem Grund existieren auch immer noch keine kommerziell operierenden Anbieter.
Werden die als Ziel genannten 227 Milliarden Liter dann tatsächlich erreicht, könnte dies zu ganz neuen Problemen führen. Ernteausbeute und Agrarpreise verändert sich von Jahr zu Jahr deutlich, was nicht nur am Wetter liegt. Schreibt der Staat dann vor, dass Ethanol getankt werden müsse, treibe dies die Spritpreise, meint David Victor, Direktor des "Program on Energy and Sustainable Development" der Stanford University.
Geht es der Politik vor allem um die CO2-Reduktion, muss sie sowieso zu Ethanol aus stark zellulosehaltiger Biomasse greifen. Diese Quelle benötigt viel weniger fossile Brennstoffe in der Produktion und kann bis 90 Prozent des beim Verbrennen von Benzin freiwerdenden Klimagases sparen, meint MIT-Experte Reilly.
Obwohl also politische Vorgaben nicht unbedingt der beste Ansatz sind, wird der nächste Präsident sie wohl verwenden. Entsprechende Passagen sind wie erwähnt bereits jetzt wichtiger Bestandteil einer neuen amerikanischen Energiegesetzgebung, die den US-Kongress beschäftigt.
Sollte sie verabschiedet werden, müsse sie unbedingt detaillierte Übergangsvorgaben enthalten, um von Mais hin zu Zellulose-Quellen zu kommen, fordert Otto Doering, Agrarökonom an der Purdue University. Obwohl die Kandidaten bereits Schritte in diese Richtung erwägen würden, fehle noch die große Vision. Doering hofft deshalb auf ein groß angelegtes Forschungsvorhaben, das an die Mondlandung oder das "Manhattan Project" erinnert – mindestens 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr sollten in die Entwicklung billiger Methoden fließen, um aus Mais-Alternativen Ethanol zu produzieren. (bsc)