Netzwerk fĂĽr Profis
Die neue "Social Networking"-Software IBM Atlas soll Firmen dabei helfen, Verbindungen zwischen ihren Mitarbeitern abzubilden, um interne Abläufe effizienter zu gestalten.
- Erica Naone
Der so genannte "Social Graph" ist im Web derzeit in aller Munde – damit sind die Verbindungen und Beziehungen einer Person zu Freunden, Familie und Kollegen gemeint. Spätestens seit Mark Zuckerberg, Gründer des aktuell besonders populären sozialen Netzwerks Facebook derlei Informationen als "unschätzbar wertvoll" für das Geschäftsleben bezeichnete, versuchen immer mehr Firmen, sie sich zunutze zu machen.
Beim IT-Konzern IBM untersucht man, wie verschiede Visualisierungen dieses sozialen Graphen Unternehmen effizienter machen könnten. Das erste Ergebnis dieser Arbeit nennt sich Atlas und ist eine Ergänzung für die hausinterne "Social Software"-Plattform Lotus Connections, die 2007 eingeführt wurde. Atlas schaut sich die Nutzerdaten an, um die Beziehungen zwischen Mitarbeitern zu analysieren.
"Je mehr Menschen soziale Software nutzen und ihr berufliches Netzwerk ausdehnen, desto interessanter werden die darunter liegenden Daten, die man mit Hilfe statistischer Analysen ermitteln kann", sagt Chris Lamb, leitender Produktmanager des Geschäftsbereichs Lotus Connections bei IBM.
Atlas und die anderen Werkzeuge im Rahmen des Paketes nutzen Erkenntnisse aus Forschungsprojekten, die IBM im Bereich "Social Computing" bereits seit 2002 durchführt, erklärt Produktmanagerin Suzanne Minassian. Ziel sei es dabei gewesen, Mitarbeiter um gemeinsame Bestrebungen herum zu organisieren. Dabei wurden populäre Werkzeuge aus dem Web 2.0 wie Lesezeichendienste oder Blogs im professionellen Umfeld verwendet und miteinander integriert. Das Gesamtpaket Connections erlaubt es den Mitarbeitern nun, eigene Profile und Blogs anzulegen, Communitys zu gemeinsamen Interessen zu bilden, Lesezeichen ins Web miteinander zu teilen und Projekte gemeinsam zu planen und zu überwachen. Jede Komponente ist dabei mit den anderen stark vernetzt, man wechselt nahtlos zwischen Anwendungen. IBM selbst hat Teile aus dem Connections-Paket bereits seit mehreren Jahren intern verwendet. Laut Minassian kamen so über 400.000 Profile zusammen.
Die mächtigsten Funktionen der Zusatzsoftware Atlas basierten nun auf den Daten, die in Connections steckten, erklärt Lamb. Informationen über berufliche Beziehungen werden dabei nicht anhand von Berufsbezeichnungen oder den Informationen aus dem hausinternen Organigramm zusammengetragen, sondern über Markierungen (Tags), Web-Links und Mitgliedschaften in bestimmten Gruppen. Atlas kann so konfiguriert werden, dass auch E-Mails und Instant-Messaging-Botschaften nach solchen Mustern durchforstet werden. Die Bewertung einzelner Informationsbereiche lässt sich dabei allerdings vorher einstellen. Das Endergebnis ist ein virtueller Werkzeugkasten, der über eine einfache Abbildung der Netzwerke hinausgeht, die sich aus der offiziellen Firmenstruktur ergeben.
Die vier Funktionen von Atlas heißen dabei "Finden", "Erreichen", "Netz" und "Mein Netz". "Finden" und "Erreichen" konzentrieren sich dabei auf das Auffinden von Experten in bestimmten Abteilungen der Firma. Beim "Finden" gibt der Nutzer Suchbegriffe ein und erhält eine Liste von Menschen, die sich mit dem Thema auskennen – sortiert nach Daten, die aus dem sozialen Netz gewonnen wurden. Wichtig sind auch die jeweilige Mitmachleistung in der Gemeinschaft und die Verbindungen, die der Experte zu Vertrauten des suchenden Nutzers hat. "Erreichen" stellt dem Nutzer dann den schnellsten Weg dar, mit der Person in Verbindung zu treten – es nennt Personen, die der Nutzer bereits kennt und die direkte Kontakte zum Experten haben.
Die restlichen Funktionen dienen vor allem dazu, die bestehenden Netzwerke des Nutzers zu analysieren. "Netz" zeigt ein Muster von Beziehungen aus bestimmten Themengebieten auf Firmenebene an. Präsentieren lassen kann man sich so beispielsweise Daten über Personen, die sich für "Social Computing" interessieren. Eine Karte zeigt, wie diese Nutzer mit anderen verbunden sind – etwa durch ihre Blog-Leserschaft oder das Engagement in der Community. "My Net" erlaubt dem Nutzer schließlich, das eigene Netzwerk selbst zu analysieren und stellt dar, zu wem er Kontakt hat und wie oft diese Verbindungen genutzt werden.
IBM-Mann Lamb sieht in der "Netz"-Funktion etwa die Möglichkeit für das Management, festzustellen, wie gut zwei Firmen nach einer Übernahme bereits miteinander kombiniert wurden. Ein Arbeitnehmer aus der Verkaufsabteilung könnte sich dagegen mittels "Mein Netz" darstellen lassen, ob er genügend gute Verbindungen zu den Menschen in der Firma unterhält, die sich besonders gut mit dem von ihm verkauften Produkt auskennen.
Rob Koplowitz, Analyst beim IT-Marktforscher Forrester, hält die Nutzung von "Social Computing"-Ansätzen in Firmen für genauso bedeutsam wie ihre Verwendung im Privatbereich. Eine zentrale Funktion spezieller Firmenlösungen sei es, dass sie sensible Daten schützen könnten. "Ich kann Beziehungen darstellen und Inhalte schaffen, die außerhalb des Unternehmens eher unpassend wären. In den Netzen aus dem Consumer-Bereich muss man ja immer annehmen, dass die Daten öffentlich sind und damit für jeden sichtbar."
Koplowitz glaubt allerdings auch, dass Firmen sehr vorsichtig sein müssen, wie sie Programme wie Atlas zur Abbildung des sozialen Graphen konfigurieren und mit welchen Daten sie sie füttern. IBM will dieses Problem dadurch lösen, dass Atlas samt Connections jeweils genau auf den Kunden abgestimmt wird. (bsc)